Kultur : Die Melancholie des Glücks

DANIELA SANNWALD

Theodoros Angelopoulos, der bedeutendste Filmregisseur Griechenlands, wurde 1935 in Athen geboren.Er studierte Jura und begann gleichzeitig zu schreiben: Essays, Kurzgeschichten und Gedichte.1961 ging er nach Paris, besuchte dort die renommierte Filmhochschule IDHEC und arbeitete, zurück in Griechenland, bis 1967 als Filmkritiker für eine linke Athener Tageszeitung, die nach dem Militärputsch 1967 verboten wurde.1970 konnte er seinen ersten Spielfilm "Die Rekonstruktion" realisieren.Der Durchbruch gelang ihm 1975 auf den Filmfestspielen in Cannes mit "Die Wanderschauspieler", es folgten "Der große Alexander" (1980), "Der Bienenzüchter" (1986) und "Landschaft im Nebel" (1988).Für "Die Ewigkeit und ein Tag" erhielt er 1997 die Goldenen Palme von Cannes.

TAGESSPIEGEL: Fur Ihren neuen Film waren Sie Regisseur, Drehbuchautor und Produzent.Ist dieser Film besonders mit Ihrer Biographie verbunden?

ANGELOPOULOS: Jeder meiner Filme ist autobiographisch, entweder direkt oder indirekt ...Die Dinge, die man sieht, die man liest, die man hört, die man denkt, die man lebt - daraus besteht unsere Autobiographie.Es gibt eine gelebte und es gibt eine gedachte Seite.Es gibt eine immer wieder erlebte und eine geträumte Seite.

TAGESSPIEGEL: Andererseits gibt es Themen und Bilder, die frühere Filme zitieren, aufbereiten und weiterführen.

ANGELOPOULOS: Am Schluß meiner Filme steht niemals das Wort `EndeÔ.Meine Filme sind, was die Amerikaner work in progress nennen.Ich betrachte meine Filme als verschiedene Kapitel eines einzigen Films.Ich komme beharrlich immer wieder auf Orte, Situationen und Personen zurück - nicht aus Narzißmus oder Koketterie, sondern weil sie meine Welt bedeuten.Wenn man das musikalisch beschreiben will, kann man meine Arbeit mit einem langen Rezitativ vergleichen, die gleichen Dinge, Situationen, Erlebnisse tauchen immer wieder auf ...Ich möchte, daß sie wie der Geschmack von Absinth sind, der, wenn ich ihn trinke, zu sagen scheint: Komm wieder, komm wieder!

TAGESSPIEGEL: Hauptdarsteller Bruno Ganz - war er Ihre erste Wahl?

ANGELOPOULOS: Nein.Ich hatte ihn in seinem letzten Wenders-Film "In weiter Ferne, so nah" gesehen, aber er entsprach nicht genau meinen Vorstellungen von der Figur des Dichters Alexander.Ich hatte aus sentimentalen Gründen zuerst an Marcello Mastroianni gedacht, aber Mastroianni war sehr krank.Auch Jean-Louis Trintignant war damals krank.Dann war ich in Paris und habe Bruno Ganz im Theater gesehen; er spielte "Odysseus".Da dachte ich: Gut, machen wir einen Versuch.Und als ich ihn gesehen und gesprochen hatte, repräsentierte er genau die Vorstellung von der Figur, die ich im Kopf hatte.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie das Drehbuch mit Rücksicht auf Bruno Ganz, der kein Griechisch spricht, umgeschrieben? Viele Dialoge werden ja im Off gesprochen.

ANGELOPOULOS: Nein, der Film war von Anfang an so geplant.

TAGESSPIEGEL: Ihre Filme sind meistens Koproduktionen mit Frankreich, Italien, Deutschland.Wie kommt das?

ANGELOPOULOS: Nach "Die Wanderschauspieler" hat mich mein Freund Eckart Stein vom "Kleinen Fernsehspiel" angerufen und gesagt, daß er gerne meinen nächsten Film koproduzieren möchte.Seitdem kommt man immer auf mich zu, nicht ich mache den ersten Schritt.Für "Der große Alexander" hat sich der italienische TV-Sender RAI interessiert.Später hat sich dann auch Channel Four gemeldet.Das kommt mir entgegen, weil ich sehr zurückhaltend bin.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie dadurch von Anfang an eine bessere Position den Produzenten gegenüber?

ANGELOPOULOS: Ja.Auch deswegen, weil meine Budgets immer vernünftig sind.Ich habe mit kleinen Budgets angefangen und - ausgenommen "Der große Alexander" - mit mittleren weitergemacht.Wenn man mit mittleren Budgets arbeitet, ist man freier.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie sich über die Goldene Palme in Cannes gefreut? Es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Stimmen, die sich dafür aussprachen, daß sie sie längst verdient hätten.

ANGELOPOULOS: Das ist eine andere Geschichte.Einen Preis zu bekommen ist immer gut für den Film, das hilft dem Verleih.Außerdem schmeichelt ein Preis der Eitelkeit.Aber dieses Mal war das ein bißchen anders.Als ich auf der Bühne stand, um den Preis entgegenzunehmen und die Leute mir applaudierten, wurde ich sehr melancholisch.Und dann war ich plötzlich abwesend, denn der Preis kam zu spät.Ich war schon ganz woanders.Die Zeremonie fand in der Gegenwart statt, und ich war mit der Zukunft beschäftigt.

TAGESSPIEGEL: Wie werden Ihre Filme in Griechenland aufgenommen?

ANGELOPOULOS: Es gibt in Griechenland etwa 100 000 Leute, die meine Filme sehen.Aber mehr als auf meine Filme sind die Griechen wohl darauf stolz, daß ich Griechenland im Ausland repräsentiere, Preise bekomme.Es gibt Länder, in denen ich mehr geschätzt werde als in meinem eigenen.In Griechenland akzeptiert und achtet man mich, aber ich weiß nicht, ob man mich mag.

TAGESSPIEGEL: Filmemacher in ganz Europa bewundern Sie.Sie stehen für eine bestimmte Art des Autorenkinos.Gibt es in Griechenland auch so eine Szene von unabhängigen Regisseuren?

ANGELOPOULOS: In Griechenland hat das Filmemachen keine lange Tradition.Außerdem ist es natürlich schwierig, Filme in einer Sprache zu drehen, die man nur in einem einzigen Land versteht, wo darüber hinaus nur ein kleines Publikum sich überhaupt fürs Kino interessiert.Aber es gibt Versuche - mit erfreulichen, aber nicht sehr weitreichenden Ergebnissen.Ich glaube, mit einer neuen Generation, die jetzt ins Kino zu gehen beginnt, werden sich die Dinge ändern.Die jungen Leute sind voller Hoffnung, und das ist es, was zählt.

TAGESSPIEGEL: Gibt es in Griechenland eine Filmausbildung?

ANGELOPOULOS: Es gibt Schulen, aber keine staatlichen.Ich versuche gerade, ein wenig Druck auszuüben auf den Kulturminister, auf andere Minister und auf die Regierung, damit sie die Gründung einer Filmakademie unterstützen.Momentan gehen die meisten Studenten ins Ausland.Einige nach England, einige nach Frankreich, einige nach Deutschland oder auch in osteuropäische Länder.

TAGESSPIEGEL: Sie haben geschrieben, bevor Sie Regisseur wurden.Können Sie sich vorstellen, mit dem Filmemachen aufzuhören und stattdessen wieder zu schreiben?

ANGELOPOULOS: Ich habe schon darüber nachgedacht, und von Zeit zu Zeit schreibe ich immer noch.Aber meine Frau, die mich sehr gut kennt, sagt, wenn ich mit ihr darüber rede: Du wirst nie aufhören, Filme zu drehen.Alle meine Mitarbeiter denken auch so.Denn was mich wirklich interessiert beim Filmemachen, sind die Dreharbeiten.Dann habe ich das Gefühl, sehr intensiv zu leben.Ich funktioniere wie in einer Art Traum, einem wunderbaren Traum, aber nur für Momente.Denn es gibt ja immer Schwierigkeiten, die Crew ist unzufrieden, das Wetter ist nie richtig, die Produzenten drängen, dies und das.Doch dann ist da plötzlich dieser kleine, magische Moment.Der wiegt alles andere auf.

TAGESSPIEGEL: Aber man merkt Ihren Filmen an, daß sie von jemandem kommen, der schreibt.

ANGELOPOULOS: Ich habe mit dem Schreiben angefangen, als ich sehr, sehr jung war.Und dann habe ich das Kino entdeckt, und das Kino wurde meine Möglichkeit des Ausdrucks, und ich habe nichts mehr außer Drehbücher geschrieben und von Zeit zu Zeit einige Gedichte.Es gibt Dinge in den Filmen, die ich vor einigen Jahren geschrieben habe als Gedichte, die dann zu Dialogen geworden sind.Das ist eine innere Vorbereitung; ich schaffe mir selbst eine Atmosphäre, die ich brauche, um voranzukommen ...Ich teile die Auffassung Pasolinis, daß es ein prosaisches und ein poetisches Kino gibt.Ich liebe das prosaische Kino, aber es ist nicht meine Sache.Ich stehe für das poetische Kino, weil ich, auch wenn ich schreibe, Poesie schreibe.

TAGESSPIEGEL: Möchten Sie etwas über ein nächstes Filmprojekt sagen?

ANGELOPOULOS: Auf diese Frage antworte ich immer, daß ich keine konkreten Projekte habe.Sie kommen zu mir.Ich suche nicht nach Ideen für einen Film.Sie kommen zu mir im Lauf der Zeit, in einem Moment der Ruhe, wenn ich allein bin oder auch in meinen Träumen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar