Kultur : Die Melodie der Freiheit

Bruno Preisendörfer

Michael Ignatieff widmet dem jüdischen Ideenhistoriker eine große BiographieBruno Preisendörfer

Nach dem Ende des "Zeitalters der Extreme", wie der undogmatische englische Marxist Eric Hobsbawm die Epoche vom Ersten Weltkrieg bis zum Abschluss des Kalten Krieges genannt hat, ist der Liberalismus zum ersten Mal in seiner Geschichte zum unangefochtenen Leitdiskurs avanciert.

Die alten totalitären Feinde - auf der Rechten die faschistische und nationalsozialistische Ideologie, auf der Linken die Ideologie des Sowjetkommunismus und seiner Ableitungsformen - verwandelten sich von Systemkonkurrenten um die Weltherrschaft zu nichts weiter als nostalgischen Sekten. Übrig geblieben sind dem Liberalismus nur zwei Gegner von historischem Format: Die chinesische Modernisierungsdiktatur und der wiedererstarkende religiöse und ethnische Fundamentalismus. Beide haben jedoch derzeit keine global strukturierende Macht.

Die Dominanz einer "vision du monde" trägt nicht unbedingt zur Verfeinerung ihrer analytischen Mittel bei. Beinahe könnte man sagen: Die Überlegenheit eines Systems steht in umgekehrtem Verhältnis zur Originalität ihrer theoretischen Selbstdeutungen.

Der Chor der Epigonen

Ein Chor von Epigonen verschluckt die Solostimmen. Es ist kein Zufall, dass Isaiah Berlin, einer der interessantesten Denker des politischen Liberalismus, sich entlang der Kampflinien während des "Zeitalters der Extreme" entwickelt hat, auch wenn er sich nur in außerordentlichen Situationen unmittelbar politisch engagierte, etwa während des Krieges gegen Hitlerdeutschland oder bei den Auseinandersetzungen um die Gründung des Staates Israel.

Isaiah Berlin, im November 1997 im Alter von 88 Jahren gestorben, verkörperte den Typus des weltläufigen intellektuellen Impresario, für den Denken ein handlungsentlasteter Dialog über politische Grundfragen ist. Berlin führte diesen Dialog einerseits mit Zeitgenossen - darunter Austin oder Wittgenstein - , mit Freunden wie Stephen Spender - und mit seinem Publikum, andererseits mit Theoretikern wie Vico, Herder oder dem Gegenaufklärer De Maistre, deren Leben und Schriften er studierte, um herauszubekommen, wie die "Leitmelodie" ihre Ideen klang.

Sein lebenslanger Favorit war übrigens Alexander Herzen, Zeitgenosse von Marx, ein russischer Jude und - wie Berlin - ein europäischer Exilant. Berlin hat die Memoiren Herzens über alles geliebt, und wenn man "Kindheit, Jugend und Verbannung" liest, versteht man, was Berlin an Herzens "Menschlichkeit" bewundert hat.

Berlin selbst hat keine Memoiren geschrieben, sondern in seiner letzten Lebensdekade mit dem Historiker und Schriftsteller Michael Ignatieff eine lange Reihe von Gesprächen geführt, die Ignatieff zu einer mitreißenden Biografie verknüpft hat. Sie durfte auf Wunsch Berlins erst posthum veröffentlicht werden, eine Bestätigung seiner feindseligen Haltung zur Selbsterforschung. "Man kann nichts über die Vergangenheit wissen, bevor man tot ist." Mit diesen Worten hat einer Tagebucheintragung Stephen Spenders zufolge ein intellektuell interessierter New Yorker Fahrstuhlführer einmal einen Vortrag Berlins auf den Punkt gebracht. Anekdoten dieser Art machen Ignatieffs Biografie zusammen mit der offen gezeigten Sympathie für den alt gewordenen Oxford Professor zu einer angenehmen Lektüre. Niemals geht es heftig zu, auch dort nicht, wo der Grand Old Man und sein vergleichsweise jugendlicher Interviewer unterschiedlicher Auffassung sind.

Isaiah Berlin war in Riga in einer traditionsreichen jüdischen Kaufmannsfamilie auf die Welt gekommen, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Petersburg und ging nach der Oktoberrevolution mit seinen Eltern ins Exil nach London. Sein Studium absolvierte er in Oxford. Abgesehen von seinen diplomatischen Kriegseinsätzen in New York und Washington und zwei kürzeren Aufenthalten in Moskau und Leningrad, wie die Stadt seiner Kindheit nun hieß, ist das behütete akademische Oxford sein Lebensmittelpunkt geblieben. Ignatieff beschreibt alle diese Stationen sorgfältig und zeigt, wie die russischen, jüdischen und britischen Elemente dieser Biografie das intellektuelle Phänomen Berlin hervorgebracht haben.

Isaiah Berlin, der als Ideenhistoriker - allein schon darum ist er ein Unikum im britischen akademischen Establishment - immer nach dem zentralen Anliegen der von ihm studierten Denker gesucht hat, verfolgte als eigenes Leitmotiv die Idee der Freiheit.

Für Berlin ist menschliche Freiheit existentiell und tautologisch. Freiheit ist Freiheit und verlangt sich selbst. Die Ausgestaltung dieser Freiheit kann aber von Individuum zu Individuum verschieden sein. Außerdem gerät die Freiheit des einen möglicherweise mit der Freiheit eines anderen in Konflikt.

Freiheit ist zwar ein letzter Wert, steht als solcher aber nicht allein. Beispielsweise konkurriert er mit dem Wert der Gleichheit oder dem Wert der Gerechtigkeit. Es muss eine politische Wahl getroffen werden, welchem Wert vor den anderen der Vorzug gegeben wird. Die liberale Gesellschaft favorisiert die Freiheit, was allerdings nicht bedeutet, dass sie dabei über Leichen gehen sollte.

Freiheit oder Gerechtigkeit?

In unseren moralistisch überkonnotierten Tagesdiskussionen wird Freiheit so reflexhaft wie unbestimmt mit assoziiert. Das ist grundfalsch. In bestimmten Umständen kann es beispielsweise zur unternehmerischen Freiheit gehören, Zwangsarbeiter zu beschäftigen. Diese Art der Freiheit ist nicht etwa in Anführungszeichen zu setzen. Als Freiheit ist sie nicht schlechter als eine andere, wenn auch ihre Folgen moralisch verwerflich sind. Berlin selbst erläutert das mit dem Beispiel der Kinderarbeit in den Bergwerken des "Manchesterkapitalismus". Die Freiheit des Bergwerkbesitzers zerstört Freiheit und Leben der Kinder.

An diesem Beispiel lässt sich Berlins berühmte und bis heute umstrittene Unterscheidung zwischen "positiver" und "negativer Freiheit" veranschaulichen. Negative Freiheit ist "Freiheit von": Etwa die Freiheit des Bergwerksbesitzers von gesetzlichen Auflagen. Positive Freiheit ist "Freiheit zu": Beispielsweise die vom Staat für die Kinder bewerkstelligte Freiheit zum Schulbesuch.

Berlin hat stets die Negative Freiheit besonders hervorgehoben, bis zur Überbetonung, wie er am Ende seines Lebens eingeräumt hat, weil im 20. Jahrhundert die Idee der Positiven Freiheit mit Erlösungsphantasien verbunden war, die politisch in den Totalitarismus führten. Der Fanatismus der Utopie und der Glaube an "Endlösungen", sei es der "Rassen-" oder der "Klassenfrage", hat die liberale Konzeption von individueller Freiheit wieder und wieder unterdrückt. Bei Ignatieff kann man Schritt für Schritt verfolgen, wie sich das auf die Denkentwicklung Isaiah Berlins ausgewirkt hat; und wie gelebte Liberalität sich auch dem Chor eines doktrinären Liberalismus verweigert, für den Freiheit ein ökonomischer Fetisch ist und kein Wert unter Werten, der immer wieder neu mit dem Verlangen nach Gleichheit und Gerechtigkeit ausbalanciert werden muss.Michael Ignatieff: Isaiah Berlin. Ein Leben. Aus dem Englischen von Michael Müller. Bertelsmann, München 2000, 441 Seiten, DM 46,90

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