Kultur : Die Melodien der Moderne

Düsseldorfs Ausstellungszentrum K21 präsentiert die erste Retrospektive des kanadischen Gesamtkünstlers Rodney Graham

Dorothea Zwirner

Bekannt und bald berühmt wurde der 53-jährige Kanadier Rodney Graham erst relativ spät – mit so unterschiedlichen Werken wie den seit 1989 entstandenen Upside-down Fotos von Bäumen und dem preisgekrönten Filmbeitrag „Vexation Island“ 1997 für den kanadischen Pavillon der Biennale in Venedig. Erstmals ist nun ein Überblick über sein Gesamtwerk in einer großen, als Retrospektive angelegten Einzelausstellung im K21 in Düsseldorf zu sehen, die in Zusammenarbeit mit der Whitechapel Art Gallery in London und dem Mac in Marseille präsentiert wird.

Die Ausstellung umfasst höchst unterschiedliche Werkgruppen eines Künstlers, der sich in seinen wissenschaftlichen, filmischen, literarischen, musikalischen und bildnerischen Experimenten gleichermaßen als professioneller Amateur erweist. Von hoher Professionalität ist die sorgfältige Recherche, die methodische Verästelung sowie die technische Ausführung. Dort aber, wo Graham selbst auftritt – als Darsteller, Musiker und Dichter – erscheint er als passionierter Amateur, der sich im ständigen Rollenspiel, Proben und Wiederholen auf der Suche nach Perfektion, Glückseligkeit oder sich selbst befindet. Der Widerspruch zwischen konzeptuellem Ernst und humorvollem Spiel, bis hin zur inszenierten Selbstdarstellung verrät den Melancholiker. Es ist die Melancholie der Moderne, die unter Komplexität und Indifferenz leidet, ohne ihre Sehnsucht nach Eindeutigkeit stillen zu können.

Mit einer nostalgischen Postkutsche im Lichthof beginnt die imaginäre Reise in eine auf den Kopf gestellte Welt. Beim Besteigen der „Camera Obscura Mobile“ sehen wir durch eine Linse das umgekehrte Bild eines gegenüber aufgestellten Baumes, das zur Reflexion über die indirekte Form sinnlicher Wahrnehmung einlädt. Von hier führt der Weg hinab in Grahams Wonderland im Untergeschoss, wo der Baum in großformatigen Upside-down-Fotos als emblematisches Bild wiederkehrt. Der Hauptakzent liegt jedoch auf dem filmischen Werk.

Das endlose Leiden am Leid der Welt

Bei „Vexation Island“ ist es die blutende Kopfwunde des auf einer einsamen Insel gestrandeten Künstlers, die sich nicht nur als Zeichen seiner äußeren Niedergeschlagenheit (durch eine Kokosnuss) erweist, sondern auch als Anfang und Ende eines Kreislaufes, der zur großen Metapher innerer Bedrückung gerät. Zirkularität, Wiederholung oder Verdopplung sind wesentliche Strukturelemente für Grahams Werk, insbesondere bei den drei Kostümfilmen im Stil klischeehafter Hollywood-Genres, die man im Unterschied zu der Londoner Präsentation nicht alternierend, sondern erstmalig in Folge als wirkliche Trilogie sehen kann. Dabei ist der Filmloop nicht nur geeignet, das Gefangensein im Lebenszyklus nachzuvollziehen, sondern auch die Bedingungen des Mediums Film im Museum zu reflektieren. Dazu gehört auch eine aufwändigen Ausstellungsarchitektur von raumgreifenden Blackboxes, die leider auf Kosten der darum herum gruppierten Exponate geht.

Zu den schönsten textbezogenen Objekten gehört die „Reading Machine for Lenz“. Graham wählte dafür Büchners „Lenz“-Novelle als klassischen Text über das Leiden am Leid der Welt, indem er uns durch geschickte Anordnung der englischen Übersetzung die Wanderung des Dichters Lenz durch den Wald endlos fortsetzen lässt. Die Wiederholung der Satzphrase „Through – the forest“ bildet sowohl den Abschluss der ersten als auch den Beginn der zweiten wie der fünften Seite, so dass man durch einen Drehmechanismus nahtlos von Seite fünf auf Seite zwei weiterlesen kann, gefangen in einem Kreislauf, der bei Lenz immer wieder zum Kurzschluss führt.

Innerhalb der musikbezogener Arbeiten zeichnet sich zu Beginn der 90er ein grundsätzlicher Zweifel an der künstlerischen Strategie ab. Seinen „Parsival“ schickt Graham noch auf einen endlosen Weg zum heiligen Gral, indem er Humperdincks Melodien für den Kulissenumbau in die kosmische Dimension von 39 Billionen Jahren ausdehnt. Demgegenüber begibt er sich mit seinen eigenen Kompositionen im Stil des Singer-Songwriters wie Bob Dylan oder Donovan auf die mühevolle Suche nach der eigenen Stimme. Dabei knüpft er an Erfahrungen der späten 70er Jahre an, als er in seiner Geburtsstadt Vancouver mit Künstlerfreuden wie Jeff Wall und Ian Wallace in einer Band spielte. So gerät die musikunterlegte Diaprojektion „Aberdeen“ gleichzeitig zu einer humorvollen Auseinandersetzung mit dem Fotokonzeptualismus der Vancouverschule und zur Hommage an das aus Aberdeen stammende Popidol der Band Nirvana, Kurt Cobain.

Die Karodame im Tiergarten

Endete der Weg aus künstlerischem Selbstzweifel und Melancholie für Cobain im Freitod und für Lenz im Wahnsinn, so befindet sich Graham auf einer Reise unterschiedlicher Bewusstseinsstadien. So fährt er in seinem Video „Halcion Sleep“ schlafend durch die Nacht, während er in seiner jüngsten Filminstallation „Phonekinetoscope“ nach einem LSD-Trip durch den Berliner Tiergarten radelt. Auf einem Baumstumpf sitzend wie Dürers „Melancholia“ fällt sein Blick auf die im Gras liegende Spielkarte einer Karodame, die er mit einer Wäscheklammer an der Speiche seines Fahrrades befestigt. Der Dame seines Herzens ist das psychedelische Lied auf einer Vinylplatte gewidmet, die den Filmloop an jeder beliebigen Stelle in Gang setzt, so dass Bild und Sound sich nie ganz synchron verhalten. Ob Graham das steinerne Herz der Königin Luise erweichen kann, vor deren Standbild er anhält, ist zweifelhaft; das des Zuschauers wird er mit seiner schwermütigen Melodie wohl erobern.

Gegenüber der Londoner Ausstellung gibt Graham in Düsseldorf noch eine Zugabe: die „Fantasia for Four Hands“, seine neueste Fotoarbeit, die ein Selbstporträt im Stil von Jeff Wall zeigt. Auf den zwei spiegelbildlich angeordneten Hälften spielen jeweils Graham und ein alter ego vierhändig am Konzertflügel, der eine mit schwarzem Anzug und glatt gekämmten Haaren selbstsicher nach hinten gelehnt, der andere in bescheidenem Grau, mit zerzaustem Haar und Brille voll Konzentration über die Tasten gebeugt. Das im dritten Film der Trilogie „City Self/Country Self“ angeschlagene Thema des gespaltenen Subjekts wird hier in der Verdopplung um eine selbstreflexive Dimension erweitert. Die Ambivalenz zwischen lustvoller Schwermut und glückseliger Leichtigkeit, die Graham in seinen Rollen gegeneinander ausspielt, sind sein Geheimnis – und größter Reiz.

K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis 25.5.; Katalog 20 Euro

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