Kultur : Die Menschen sind fremd, wenn man ein Fremder ist

Bestellt und nicht abgeholt: Nurkan Erpulat inszeniert Kafkas „Schloss“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

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Aufbruch unmöglich. Moritz Grove mit Sesede Terziyan. Foto: Eventpress Hoensch
Aufbruch unmöglich. Moritz Grove mit Sesede Terziyan. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Als Nurkan Erpulats Kafka-Bearbeitung „Das Schloss“ vor kurzem auf der Ruhr-Triennale ihre Premiere feierte, fiel der Tenor einhellig aus. Wohlwollend benickt wurde, dass der Regisseur und sein Dramaturg Jens Hillje nicht versucht hätten, an ihren Superhit „Verrücktes Blut“ anzuknüpfen, Kafkas Geschichte mithin nicht zur Migrantenparabel verbogen. Enttäuscht war man hingegen darüber, dass der Roman mehr oder minder aufregungsfrei heruntererzählt worden sei.

Nun wandert die Inszenierung aus der Bochumer Turbinenhalle in die Kammerspiele des koproduzierenden Deutschen Theaters, was Gelegenheit gibt, eins klarzustellen: Dass der türkische Regisseur Erpulat bislang fast nur migrantische Stoffe bearbeitet und sich in diesem Metier als wirksicher und scharfsinnig erwiesen hat, lag vor allem daran, dass ihm lange kein Shakespeare, Tschechow oder eben Kafka angeboten wurde. Selbst im Lob fürs Verzichten aufs Migrantische steckt aber der Verdacht, die Fremde sei die eigentliche künstlerische Heimat des Regisseurs. Die Ausgrenzungsmechanismen eines Betriebs zu überwinden, das ist eine Aufgabe für sich. Und damit sind wir bereits mitten im „Schloss“.

Erpulats siebenköpfiges Ensemble beginnt, sich in den Roman einzulesen. Mit Kafka-Ausgaben bewehrt, proben die Spieler den Einstieg mit dem ersten Satz: „Es war spät abends, als K. ankam.“ Aus der Konkurrenz um die passende Vortragsform entbrennt ein Streit, den Moritz Grove verliert. Der Aufmüpfige wird per Kollegenabstimmung ausgeschlossen – und übernimmt bruchlos die Rolle des K., des mutmaßlichen Landvermessers, der ins titelgebende Schloss vorzudringen versucht, aber niemals Einlass finden wird. Stattdessen bleibt er ein beargwöhnter Fremder unter den Bewohnern des nahen Dorfes, das unter der Willkürherrschaft eines undurchsichtigen adeligen Apparats steht.

Das Schloss weiß alles über K., es hält ihn hin, spielt mit ihm, schickt ihm zwei Assistenten – Tamer Arslan und Max Pellny spielen die sehr körperkomisch als zwielichtige Servilanten – und lässt Lob für nie verrichte Arbeit bestellen. Wie bestellt und nicht abgeholt findet sich Grove als reizbarer K. unversehens im Bühnenschnee wieder. Darauf, die Atmosphäre einer grotesken Deplatziertheit und Verlorenheit zu erzeugen, versteht sich Erpulat. Schon sein Einstand am Ballhaus Naunynstraße mit „Männersache“ war ja eine Art Kafka: Da betrat man ein türkisches Kaffeehaus und fand sich unter kartenspielenden Kerlen wieder, die den Gast in unverständlicher Zunge verhöhnten, bevor sie ihn als nackter Chor mit Schuberts „Winterreise“ wieder nach draußen schickten.

Die 25 Kapitel des Fragment gebliebenen Romans „Das Schloss“, der mitten im Satz abbricht, verdichten Erpulat und Hillje auf eine zweistündige Fassung. Und aufs Wesentliche. Wie ein verinnerlichtes autoritäres System auf die menschlichen Beziehungen durchschlägt, das erzählt die klug konzentrierte Liebesgeschichte zwischen K. und der jungen Frieda (Sesede Terziyan, wieder eine Wucht), die mal eine Affäre mit einem ranghohen Schlossbeamten hatte. Dieser bleibt als Instanz derart präsent, dass kein Aufbruch möglich ist. Und Thorsten Hierse hat als Olga, Tochter einer PariaFamilie, einen furiosen Monolog, der den vorauseilenden Gehorsam der Dorfbewohner erhellt, wohingegen aus dem Schloss nie konkrete Repressalien kommen. Auch die übrigen Schauspieler, teils in Mehrfachrollen – Thomas Schumacher etwa als Bote ohne Auftrag und Katharina Matz als seltsam verschlagene Wirtin – tragen auf ihre Art den verqueren Schlossgeist in die Szenerie.

Fremdheit ist ein universelles Gefühl, dieses Grundmotiv inszeniert Erpulat still und stimmungsvoll. Er lauscht genau auf den Kafka-Text, während der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden ihn mit den Songs der Doors federt: „People are strange, when you’re a stranger“. Eine zurückgenommene, aber keine oberflächliche Arbeit. Auf der kargen Bühne von Magda Willi fahren immer wieder gläserne Rahmen herab, durch die sich die Menschen permanent beobachten wie durch die Spiegel eines Verhörraums. Es ist der Blick der anderen, der aus dem Ankömmling den Fremden macht. Das gilt in jedem System, vom Skatverein bis zum Theaterbetrieb. Patrick Wildermann

Wieder am 15. und 22. 10., 20 Uhr.

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