Kultur : Die menschenmögliche Lösung der unlösbaren Aufgabe

JAMES E.YOUNG

In seiner ursprünglichen Fassung bildete der Vorschlag von Peter Eisenman eine überraschende Alternative zur Idee des Holocaust-Denkmals an sich.Es ist ein Entwurf, der sich ausdrücklich gegen die Idee der Erlösung stellt: Er bietet keine Kompensation für den Holocaust in Kunst oder Architektur - tatsächlich widersteht dieser Entwurf dem Versuch, solche Ereignisse auf irgendeine Art wiedergutmachen zu wollen.In seinem wogenden Feld von Pfeilern klingt sofort das Motiv eines Friedhofs an, auch wenn solche Symbole individuellen Trauerns inadäquat sind für die Erinnerung an einen Massenmord.Anstatt vorzugeben, auf das deutsche Denkmal-Problem mit einer einzelnen, beruhigenden Form antworten zu können, schlägt dieser Entwurf verschiedene gesammelte Formen vor, die so arrangiert werden, daß die Besucher ihren eigenen Weg zur Erinnerung an Europas ermordete Juden finden müssen.Dieses Denkmal gibt keine Antwort auf die Erinnerung, sondern bedeutet einen fortlaufenden Prozeß, eine kontinuierliche Frage ohne bestimmte Antwort.

Als die Findungskommission sich im letzten November mit diesem Entwurf beschäftigte, fanden wir, daß dessen kühne Balance zwischen Konzept und Gestaltung in brillanter Weise den schwierigen Fragen der Monumentalität und der spezifisch deutschen Erinnerung Rechnung trägt, die wir in unserer Aufgabenbeschreibung angerissen hatten.Deshalb haben wir diesen Entwurf als einen von zwei Siegerentwürfen empfohlen.Im Lauf der Zeit hat sich für die Auftraggeber, das Bundeskanzleramt und die Öffentlichkeit gezeigt, daß unter den vier angekündigten Entwürfen der Realisierungsauswahl der Entwurf von Eisenman/Serra die größte Konsenskraft gewann.

Gleichzeitig aber ließ der ursprüngliche Entwurf durch seine schiere Pfeilerzahl und seinen generellen Maßstab im Verhältnis zum vorgegebenen Standort weniger Raum für Besucher und für Gedankenveranstaltungen als wir gewünscht hätten.Einige unter uns empfanden eine potentielle, über das Figürliche hinausgehende Gefahr in dem Denkmal: Die mit fünf Metern höchsten Pfeiler hätten die Sicht für einige Besucher verstellen und so den Eindruck eines labyrinthischen Durcheinanders erwecken können, ein Effekt, an dem weder den Entwerfern noch den Auftraggebern hätte gelegen sein können.Die Möglichkeit einer nur introvertierten Erfahrung war größer, als manchen von uns lieb gewesen wäre.

Daher wurde die kluge Empfehlung der Auftraggeber, die Größe und Zahl der Pfeiler zu reduzieren, um jedem Gefühl physischer Bedrohung entgegenzuwirken und um die für Gedenkveranstaltungen nutzbare Fläche zu vergrößern, von der Findungskommission begrüßt.Wir hatten die Hoffnung, daß die ursprüngliche Konzeption durch diese leichten Reduktionen nicht grundsätzlich verändert werden würde.Nachdem ich nun den modifizierten Entwurf studiert habe, bin ich sehr glücklich, feststellen zu können, daß die Empfehlungen von Peter Eisenman fachmännisch in den Entwurf eingearbeitet worden sind.In der Tat tragen die Modifikationen nicht nur unserem Anliegen Rechnung, sondern haben in unerwarteter Weise die gesamte Formalisierung des Konzepts gestärkt.

Während wir den Rückzug des Künstlers Richard Serra von dem Projekt bedauern, haben wir gleichzeitig volles Verständnis dafür, daß er auf dem Vorrecht eines Künstlers besteht, Änderungswünschen an einem für ihn abgeschlossenen Werk zu widerstehen.Hier gibt es wohl immer Unterschiede in der Arbeitsweise eines Künstlers und eines Architekten: Während der Architekt es als seine Aufgabe ansieht, sich mit den Wünschen seines Auftraggebers auseinanderzusetzen, ist der Künstler eher geneigt, jeden leichten Änderungswunsch als Bedrohung der Integrität und inneren Logik seines Werks anzusehen.Dieser Konflikt ist im Verlauf einer Zusammenarbeit von Künstlern und Architekten normal.Ich respektiere daher den Rückzug Richard Serras aus dem Projekt, da er ihm erlaubt, seiner Kunst treu zu bleiben, ebenso wie wir alle Serra für seine große Inspiration bei diesem Projekt dankbar bleiben.In diesem Zusammenhang möchten wir noch einmal ausdrücklich daran erinnern, daß dieses Projekt explizit als Kooperation zwischen den potentiellen Entwerfern und den Auftraggebern definiert war, indem durch einen fruchtbaren Austausch von Ideen und Empfehlungen ein für alle Seiten akzeptabler Entwurf für Berlins Denkmal für die ermordeten Juden Europas gefunden wird.

Der überarbeitete Entwurf schafft einen sogar noch ausdrucksstärkeren Raum der erinnernden Kontemplation als der ursprüngliche Entwurf, einen Raum, der - wie elliptisch auch immer - sowohl das Ausmaß der Zerstörung und die zurückbleibende Leere als auch das zwangsläufig gespannte Verhältnis anklingen läßt, das Deutschland zu der Erinnerung an die in seinem Namen begangenen Verbrechen haben wird.Anstatt den Besucher mit Erinnerung in einem übermenschlichen Maßstab zu überwältigen, laden diese nun menschlich dimensionierten Pfeiler (von 0,5 bis 2,5 Meter hoch) die Besucher zu einem Dialog des Erinnerns unter gleichen ein.Während das Monumentale immer benutzt wurde, um uns durch seine Größe ins Unbedeutende herabzusetzen oder uns bis zur Fügsamkeit und Unterwerfung einzuschüchtern, stellt dieses menschlich gestaltete Denkmal die Menschen auf gleiche Ebene mit den Formen der Erinnerung.So wird ein humaner Dialog zwischen diesen Formen und den Besuchern hergestellt.Weder unsere Erwartungen an das Gedenken noch unser Sinn für die Verantwortlichkeit des Menschen werden hier durch Monumentales lächerlich gemacht.Die Besucher werden durch die Pflicht zur Erinnerung weder erniedrigt noch müssen sie sich den Formen des Erinnerns geschlagen geben, sondern diese verleiten die Besucher vielmehr, der Erinnerung von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Die Besucher können über diese Pfeiler hinwegsehen und finden sich bis zu ihren Knien, Hüften oder sogar Schultern in einem wogenden Feld von Formen und anderen Gedenkenden.Sie werden ihren Weg durch dieses Feld von Steinen selbst finden ebenso wie sie sich im Akt des Erinnerns nie wirklich verlieren oder davon überwältigt werden können.Sie werden sich ihre individuellen Räume der Erinnerung schaffen und wählen, auch wenn sie dies gemeinschaftlich tun.Der innere Ausdruck der Bewegung in diesem sanft modulierten Feld formalisiert eine Art der Erinnerung, die weder zeitlich eingefroren noch im Raum erstarrt ist.Das Gefühl einer solchen Instabilität wird den Besuchern helfen, dem Impuls der Abkapselung des Erinnerungsvorgangs zu widerstehen, und wird die eigene Rolle stärken, das Gedenken in sich selbst zu verankern.

In ihren vielfältigen und unterschiedlichen Größen sind die Pfeiler sowohl vereinzelt als auch gesammelt.Die Idee der kollektiven Erinnerung wird hier aufgebrochen und ersetzt durch die gesammelte Erinnerung an die ermordeten Individuen, durch die schreckliche Bedeutung ihres Todes, die dadurch vervielfacht und nicht nur vereinheitlicht wird.Der Boden unter diesen Pfeilern schwankt und bewegt sich, so daß jeder Pfeiler etwa um 3 Grad aus der Vertikalen geneigt ist.Wir werden nicht beruhigt durch solch ein Gedenken, es versöhnt uns nicht mit dem Massenmord an sechs Millionen Juden, sondern desorientiert uns.Ein Teil dessen, was Eisenman "Unheimlichkeit" nennt, entsteht genau durch dieses Gefühl des Unbehagens, das in einem solchen Feld erzeugt wird, durch die Anforderung, unseren eigenen Weg in und durch ein solches Gedenken zu finden.Und weil das Ausmaß dieser Installation kaum durch Fotos vom Boden wiedergegeben werden kann, verlangt dieses Denkmal, daß der Besucher seinen Raum betritt und nicht versucht, es mittelbar durch Fotos kennenzulernen.Im Gedächtnis haften bleiben werden nicht etwa fotografische Abbilder, sondern die wirklichen Erfahrungen der Besucher und das, an was sie sich vor Ort erinnert haben.

In praktischer Hinsicht hat die Wegnahme von zirka 1400 der ursprünglich etwa 4200 Pfeiler den Raum für öffentliche Gedenkveranstaltungen enorm erweitert.So wurde auch Raum für Touristenbusse geschaffen, um Besuchern das Aussteigen zu ermöglichen, ohne die Würde der Pfeiler im Außenbereich des Feldes zu beeinträchtigen.Durch Anhebung der Höhe der niedrigsten, fast ebenerdigen Pfeiler auf eine Höhe von etwa einem halben Meter wird in diesem Entwurf auch gewährleistet, daß Besucher nicht auf die Pfeiler treten oder über sie hinweggehen: da die Pfeiler die gleichen Neigungsmaße und Neigungswinkel wie die Topographie des Bodens haben.Weil diese Pfeiler weder als Grabsteine konzipiert noch als solche geweiht sind, wäre es keine Entweihung, wenn jemand auf die Pfeiler tritt oder sich darauf setzt.Jedoch ist es in der jüdischen Traditon auch wichtig, den bloßen Eindruck der Entweihung zu vermeiden, daher wird die kleine Änderung bei den niedrigsten Pfeilern begrüßt.

Der Beton der Pfeiler wird in seinem warmen, sandigen Ton die Farben der Sonne und des Himmels reflektieren, aber andererseits den Eindruck von Stein, sogar Sandstein erwecken.Der Beton wird nicht die rauhen Linien der Gußform haben, sondern glatt sein, ähnlich wie die Textur eines Bürgersteigs.Der Beton kann auch mit einer Anti-Graffiti-Beschichtung imprägniert werden, um ihn leichter reinigen zu können.Der grobkörnige Schotterboden ist ebenfalls eine ausgezeichnete Idee, da er Laufen, Herumtollen und Liegen auf dem Boden verhindert, es jedoch ermöglicht, daß die Fußtritte der Besucher hörbar und sichtbar werden.

Der Architekt wünscht, daß die Pfeiler trotz ihres steinartigen Eindrucks in ihrer Bedeutung nicht festgelegt werden, sondern offen bleiben für viele Lesarten: Sie sind abwechselnd Steine, Pfeiler, leere Tafeln, Wände und Segmente.Dennoch werden sie sich in ihrer abstrakten Form den Bezügen anpassen, die Besucher zu ihnen herstellen, wobei der wahrscheinlichste Bezug der des Grabsteins sein wird.Dies ist keine schlechte Sache und macht es notwendig, die Pfeileroberfläche unbeschriftet zu lassen.Mit einer Inschrift würden sie Grabsteinen sehr ähneln, dann wäre es notwendig, sie formal als Grabsteine zu behandeln, wenn auch nur in symbolischer Weise.

Aus diesem Grund empfehle ich die Anbringung eines dauerhaften historischen Textes auf einer oder mehreren Tafeln, die in geneigter, ein Lesen möglich machender Form entweder in den Boden eingelassen oder auf ihm angebracht werden.Diese Position wird Besucher in respektvolle, sogar andachtsartige Ruhe bringen, wenn sie den Text mit leicht zum Gedenken geneigtem Kopf lesen.Die Tafeln können am Eingang oder an den Seiten plaziert werden, aber auch unter den Bäumen, die die äußeren Grenzen des Feldes markieren.Dadurch würde die formale Integrität des Feldes intakt bleiben, aber genau definiert werden, wessen hier gedacht werden soll.So plaziert, werden die Gedenktafeln nicht das Gefühl aufkommen lassen, den Anfang oder das Ende des Gedenkens markieren zu wollen, sondern sie werden den Ort offenlassen für die vielen Wege, die die Besucher auf der Suche nach dem Gedenken einschlagen.Auch wird damit der Wunsch des Architekten respektiert, ein Gefühl der Unvollständigkeit entstehen zu lassen; es wird kein Denkmal sein, das einen erzählenden Anfang, eine Mitte und ein eingebautes Ende haben wird.

Die Einfügung von Reihen immergrüner Bäume und von Linden wird ebenfalls begrüßt, da sie diesen Raum abgrenzen und eine Pufferzone zur übrigen Stadt schaffen, während sie gleichzeitig den Raum durch die optische Verbindung der Gedenkstätte mit den Bäumen des Tiergartens auf der Westseite der Straße in die Stadt integrieren.Da die Bäume im Unterbereich bis zu einer Höhe von zirka drei Metern ausgeschnitten werden, bleibt die Gedenkstätte von der Straße, vom Fußweg und von den angrenzenden Gebäuden her einsehbar.Wenn Besucher das Gelände betreten, wird ihr Sichtkontakt die gebaute Umgebung einschließen, aber je weiter sie ins Innere des Pfeilerfeldes hineinkommen, desto höher wird der Sichthorizont der Baumreihen ansteigen und alles bis auf die Dächer der umgebenden Gebäude ausblenden, so daß sich der Besucher weiter von der städtischen Landschaft entfernt, sanft in den Gedenkraum eintaucht.

Aus diesen Beweggründen begrüße ich enthusiastisch den überarbeiteten Entwurf von Peter Eisenman für Deutschlands nationales Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das im Zentrum Berlins entstehen soll, und empfehle ihn aus voller Überzeugung.Ich habe lange auf ein Denkmal gehofft, das sich im Laufe der Zeit so entwickelt, daß es die Anliegen jeder Generation und die Bedeutungen, die jede Generation dem Gedenken an die ermordeten Juden zuweisen wird, widerspiegelt.In diesem Denkmal, das auf seiner eigenen Unvollständigkeit beharrt und das die ausdauernde Arbeit an einem unlösbaren Problem vor jede Lösung stellt, finde ich ein Denkmal, das so suggestiv in seiner komplexen Konzeption wie beredt in seiner formalen Gestaltung ist.Als solches kommt das Denkmal der unlösbaren Aufgabe Deutschlands so nah wie es menschenmöglich ist.Das ist schließlich alles, was wir von dem nationalen Versuch Deutschlands erwarten können, des Mordes an den europäischen Juden zu gedenken.

Mit seiner Entscheidung, einen Raum des Gedenkens im Zentrum Berlins zu schaffen - auf einer Fläche ohne Wohnen, Handel und Freizeit -, erinnert der Bundeskanzler Deutschland und die ganze Welt an die selbstverursachte Leere im Herzen der deutschen Kultur und des deutschen Bewußtseins.Dies ist ein couragierter, schwieriger Akt der Reue von seiten der Regierung.Weil die ermordeten Juden auf diese Geste nur mit massivem Schweigen antworten können, wird die Bürde der Antwort den lebenden Deutschen auferlegt, die bei ihren Denkmalbesuchen aufgefordert sein werden, sich an die in ihrem Namen begangene Vernichtung eines Volkes zu erinnern, an die unersetzbare Leere, die diese Vernichtung hinterlassen hat, an ihre eigene Verantwortung für das Erinnern selbst.

Der Autor, Professor für Anglistik und Judaistik an der Universität in Amherst (Massachusetts), ist Mitglied der vom Senat berufenen Findungskommission zur Beurteilung der Mahnmal-Entwürfe.Veröffentlichungen: "Beschreiben des Holocaust" (dt.1992), "Formen des Erinnerns" (dt.1997).

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