Die Milchbar in Kreuzberg : Kicken bei den Fischen

Punkrock, Bier und Fußball: Ein Besuch in der Kreuzberger Milchbar - und die Erinnerung an einen großartigen Champions League-Abend.

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Die Milchbar in der Manteuffelstraße.
Die Milchbar in der Manteuffelstraße.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es war spät geworden, und der innere Kompass zeigte schon stark Richtung Bett. Aber Freund L. war noch in Plauderstimmung. „Okay, dann eben noch ein kleines Wasser“, sagte ich zum Barkeeper, der mit Blick auf meinen Tresennachbarn antwortete: „Aber er hat ein Großes bestellt.“ „Na und?“, entgegnete ich leicht entgeistert. Wenig später bekam L. ein großes Bier vom Fass – und ich ein kleines. Ja, klar, mein Fehler! Dass das Personal in der Milchbar eine Wasserbestellung nicht ernst nimmt und sie einfach mal richtigstellt, hätte ich mir nun wirklich denken können. Schließlich kenne ich den Laden schon seit mehr als 15 Jahren, in denen mir natürlich nicht entgangen ist, dass hier Bier und Kurze die Getränke der Wahl sind. Dazu wird geraucht. Die Qualmwolke über dem Tresen ist obligatorisch.

Selbst wenn man eine Weile nicht mehr in dem Laden in der Kreuzberger Manteuffelstraße vorbeigeschaut hat, kann man sicher sein, alles unverändert vorzufinden: Aus den Boxen ballert Punkrock älterer Bauart, die Wände sind mit Meeresgetier-Graffiti verziert, hinten stehen ein Kicker und ein Flipper.Das Publikum ist tattoo-, rock- und fußballaffin. Man altert gemeinsam und grölt zu fortgeschrittener Stunde auch schon mal ein bisschen rum. Die Menschen hinter dem Tresen sind ebenfalls sympathische Oldschool-Originale. Nur die imposante Dada ist leider nicht mehr hier anzutreffen, sie starb letzten Sommer.

Lange war die Milchbar – der Name kommt von einem Stadtbauernhof mit Milchladen, der hier einst ansässig war – ein Refugium für Dortmund-Fans. In der Champions League mischte Schwarzgelb allerdings 2002 schon nicht mehr mit, was mir beim Halbfinal-Hinspiel zwischen Manchester und dem Verein aus meiner Geburtsstadt Leverkusen einen überraschend tollen Abend in dem vollgestopften Laden bescherte. Gewöhnt an den rituellen Spott über den angeblich traditionslosen Pillendreher-Klub hatte ich nicht daran gedacht, dass irgendjemand mit mir mitfiebern könnte – aber plötzlich liebten alle Bayer! Die attraktive Spielweise wurde gelobt und Michael Ballacks Ausgleichstor zum 1:1 lautstark bejubelt. Dass der Abend nur ein weiterer Schritt in Richtung Vizekusen war, konnte ich noch nicht ahnen. Deutscher Meister wurde in dem Jahr bekanntlich der BVB. Hatte ich auch nicht bestellt.

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