• Die Millionärstochter und ihr Prinz: ein leicht behindertes Liebespaar kämpft um seine Zukunft

Kultur : Die Millionärstochter und ihr Prinz: ein leicht behindertes Liebespaar kämpft um seine Zukunft

Carla Rhode

Hollywood-Märchen sind die Spezialität des Regisseurs Gary Marshall. Vor zehn Jahren bescherte er uns "Pretty Woman" mit Julia Roberts und Richard Gere, inzwischen zu dem klassischen Liebesfilm der achziger Jahre avanciert, später folgte "Frankie und Johnny" mit Michelle Pfeiffer und Al Pacino und nun soll es wieder ein Liebesfilm sein, aber klassisch? Eine märchenhafte Liebesgeschichte ist es auch in "The other sister" ("Ganz normal verliebt"): Eine Millionärstochter angelt sich ihren Prinzen - doch wird diesmal aus einem ganz anderen Blickwinkel erzählt. Carla (Juliette Lewis) und Danny (Giovanni Ribisi) entsprechen nicht den Idealvorstellungen eines Traumpaars, denn beide sind geistig leicht behindert. Dennoch: ihre Ansprüche an das Leben sind "ganz normal", sie wollen eine Ausbildung, sie wollen frei und selbständig sein, und sie wollen heiraten. Um das alles Schritt für Schritt durchzusetzen, müssen viele Widerstände überwunden werden, was eigentlich gleichbedeutend ist mit dem Abbau von Vorurteilen.

Darf eine junge Frau, die zwar lesen und schreiben kann, sich aber immer noch wie ein Kind verhält, sich von der Familien lösen und eine eigene Wohnung haben? Kann sie eigene Entscheidungen treffen, oder macht sie bloß eine Dummheit nach der anderen? Dass Carlas gluckenhafte Mutter Elizabeth (Diane Keaton spielt sie mit leichtem Anflug ins Hysterische) die Tochter vor allen Schwierigkeiten bewahren will, ist verständlich, ebenso aber auch deren Wunsch nach Unabhängigkeit, verstärkt noch, nachdem sie auf dem College Danny kennengelernt hat. Auch er ist ein bisschen langsam, er bewegt sich ungeschickt und braucht lange, um seine Sätze zu formulieren, aber er ist ein lieber, treuer Freund, eine "ganz normale" Liebesbeziehung bahnt sich an.

Auch wenn man spürt, dass diese Hauptfiguren mit ihren Besonderheiten ernst genommen werden und ihre Bedürfnisse, so risikoreich ihre Verwirklichung auch ist, aus der richtigen Perspektive, also entsprechend den heute gültigen Erkenntnissen über das selbstbestimmte Leben Behinderter geschildert werden, sieht man diesem Film mit leichtem Unbehagen zu.

Sehr vieles stimmt. Die Schauspieler haben einschlägige Studien betrieben und agieren überzeugend, ihre Figuren werden sogar glaubhaft entwickelt, und es gibt einige sehr rührende, viele herzerfrischende und, weil Behinderte manchmal sehr direkt reagieren, auch peinliche Situationen. Aber interessieren die Probleme einer behinderten Millionärstochter überhaupt? Das mag auch Garry Marshall, der diesmal auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, gespürt haben, denn er baut ein Handlungselement ein, das sich mehr und mehr in den Vordergrund drängt: den Standesdünkel von Carlas Mutter, die sich vehement gegen die Heirat ihrer Tochter mit dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Danny wehrt.

Marshall traute wohl der speziellen Spannung dieser Liebesgeschichte nicht und versucht, ihr mit solchem Klischee noch eine andere Richtung zu geben. Doch gerade diese Mischung stimmt ärgerlich und provoziert sogar den Verdacht, dass es hier gar nicht wirklich um behinderte Menschen geht, sondern eher um eine wirklichkeitsfremde soap opera, angereichert mit einem Modethema. Mehr als zehn internationale Filmproduktionen dieses Jahres setzen sich mit geistiger Behinderung oder Traumatisierungen auseinander.In 12 Berliner Kinos, OV in der Kurbel

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