Kultur : Die Ming-Parabel

China war schon immer lukrativ: die Missionen des Matteo Ricci im Ostasiatischen Museum Berlin

Ulrich Clewing

Das Urteil des Reisenden fiel vernichtend aus. „Obwohl die Chinesen die Malerei sehr lieben“, notierte Matteo Ricci in seinem Bericht über die Ankunft der „Compagnia di Giesu“ in China , „können sie sich in dieser Kunst dennoch nicht mit der unsrigen messen. Und weniger noch in der Bildhauerei und Bildgießerei, alle sehr gebräuchliche Künste bei ihnen.“ Ricci glaubte auch die Ursache für diese vermeintliche Rückständigkeit ausmachen zu können: Sie liege im fehlenden Kontakt zu anderen Nationen.

Um Letzteres zu beheben, hatte sich der Missionar Ricci auf große Fahrt begeben, die ihn von den italienischen Marken über Coimbra und Lissabon zuerst nach Indien und dann über Macau, Shaozhou und Nanchang bis nach Peking führen sollte. Doch gab es auch noch andere Gründe für seine Bereitschaft, Mühen und Gefahren auf sich zu nehmen: In einer faszinierenden Sonderausstellung mit dem Titel „Matteo Ricci – Europa am Hofe der Ming“ forscht nun das Berliner Museum für Ostasiatische Kunst dem Lebensweg Riccis nach und versucht, dessen unterschiedliche Motivationen zu illustrieren. 120 Objekte werden gezeigt: Gemälde, Handschriften, Uhren, physikalische und astronomische Instrumente, Porzellane und Keramikfiguren. Die Exponate entfalten nicht nur das reiche Panorama einer Biografie und ganzen Epoche, sie strafen außerdem Riccis eingangs zitiertes Verdikt auf wunderbare Weise Lügen.

Matteo Ricci wurde 1552 in Macerata als Sohn einer angesehenen Adelsfamilie geboren, besuchte das Jesuitenkolleg seiner Heimatstadt und studierte dann in Rom Jurisprudenz. Mit 19 Jahren tritt er in den Jesuitenorden ein, wo er dem Missionswerk des Ostens zugeteilt wird. Zusammen mit einer Hand voll Gleichgesinnter erreicht er 1578 die indische Provinz Goa. Aus italienischer Sicht hatte das nicht allein religiöse Beweggründe. Damals war praktisch die gesamte bekannte Welt unter zwei Seemächten aufgeteilt: Spanien und Portugal. Um wenigstens ein kleines Stück abzubekommen, blieb den übrigen Seefahrernationen England, Frankreich und Italien nur die Seeräuberei – und die christliche Mission.

In einer Zeit, in der die Verkündung christlicher Tugenden und bis zum Wahn gesteigerte religiöse Eiferei nahtlos ineinander übergingen, galt es für die Prediger als höchstes Ziel, während der Missionierung der „Barbaren“ als Märtyrer zu sterben. In Goa angekommen, erlebten Ricci und seine Mitstreiter allerdings eine unangenehme Überraschung. Die indische Provinz gehörte zum Reich Akbars, dem mächtigsten König Asiens, und der wollte sich weder bekehren noch die Neuankömmlinge meucheln lassen. Im Gegenteil: Akbar war überzeugter Anhänger der Religionsfreiheit, seine Ambitionen bestanden darin, die Glaubensgemeinschaften seines Herrschaftsgebiets (Islam, Sufismus, Hinduismus und Christentum) in einer synkretistischen, allumfassenden Religion miteinander zu versöhnen.

Nach der anfänglichen Enttäuschung reiste Ricci, inzwischen zum Priester geweiht, 1582 weiter nach Macau und zum chinesischen Festland. Dort sollte er seine Bestimmung finden. Innerhalb kurzer Zeit nimmt er chinesische Gebräuche an, lernt die Sprache und gründet – bald vollständig assimiliert – christliche Niederlassungen. Zunächst in Zhanoqing, dann in Shaozhou, Nanchang, Nanjing und schließlich 1601 in Peking, wo er als erster Europäer überhaupt zum Berater des chinesischen Kaisers aufsteigt. Die Ausstellung im Museum für Ostasiatische Kunst geht noch über die Schilderung dieses eindrucksvollen Weges hinaus. Im letzten Kapitel werden Riccis Nachfolger porträtiert, darunter zwei Deutsche, der Kölner Johann Adam Schall von Bell und Johannes Schreck aus Sigmaringen.

Ricci brachte den Chinesen Messinstrumente, einen Globus, er zeichnete außerdem eine Weltkarte – alles Dinge, die bei seinen wissbegierigen Gastgebern auf Begeisterung stießen. Nur einem seiner Mitbringsel standen sie offenbar reserviert gegenüber: Ricci führte in seinem Reisegepäck auch das Ölgemälde eines italienischen Meisters mit sich. Er selber schildert in seinen Korrespondenzen, wie interessiert seine höflichen Gesprächspartner auf diese neue Technik reagierten.

Wie man heute weiß, blieb die europäische Ölmalerei in der chinesischen Kunst völlig bedeutungslos.

Museum für Ostasiatische Kunst, bis 27. August. Der Katalog kostet 30 Euro.

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