Kultur : Die Mitte ist, wo ich stehe

Das Performance-Festival „Context“ im Berliner HAU

Sandra Luzina

„Ja, ich bin es wirklich, die Mutter des modernen Tanzes“. So begrüßt die Diva auf der Bühne des Hebbel-Theaters das staunende Publikum. Das hochgetürmte schwarze Haar, das dramatische Make- up, die theatralische Pose – das ist doch Martha Graham! Oder vielmehr eine ziemlich perfekte Kopie: Der Amerikaner Richard Move macht das Beste aus seinem Mutterkomplex. In einem kleinen Kabarett in Manhattan namens „Mother“ schlüpfte der Tänzer 1996 erstmals in die Rolle von La Graham. Speziell für das Berliner Hebbel-Theater kreierte er nun die Performance „Martha@HAU“ – und das Festival „Context #4“ hatte seine drama queen.

„Cover“ ist das Leitthema des Festivals, das sich gern akademisch gibt und 2007 mit einem Symposion über Körperbilder, Bildzitate, Posen und Poser startete. Den versammelten Kulturwissenschaftlern bot Richard Move reichlich Anschaungsmaterial. Der New Yorker Performer versteht sich auf das, was man „Strike the pose“ nennt, und er ist so umwerfend queer, dass die Verfechter der Gender-Debatte in Verzückung geraten.

Neben Mae West dürfte Martha Graham eines der beliebtesten Vorbilder für die männlichen Frauendarsteller in den USA sein. Move nun bewegt sich gekonnt auf dem Grat zwischen Hommage und Parodie, Zitat und Karikatur. Gezeigt werden Ausschnitte aus berühmten Werken wie „Apalachian Spring“, „Night Moves“ oder „Cave of the Heart“, abwechselnd getanzt von Move selbst und Jennifer Binford Johnson, die auch als „Company“ auftritt. Richard-Martha führt uns ein in die Graham-Technik mit Contraction und Release, erklärt uns die „innere Landschaft“ der Protagonistinnen, ihre Seelenqualen. Dass der Tänzer seiner strengen Martha die Figur der späten Anna Nicole Smith leiht – die Speckröllchen an der Taille sind echt, die Brüste nicht – macht die Auftritte noch haarsträubender. In Move hat die Pionierin des modernen Tanzes einen exzentrischen Nachlassverwalter gefunden. Natürlich kostet diese Martha auch die schöne Ironie aus, dass sie, die große Moderne, zu einem Festival geladen wurde, das den Postmodernen gewidmet ist. Ausgerechnet! Postmodern, erklärt uns Martha verächtlich lächelnd, sind Choreografen, die fragen, wo der Mittelpunkt der Bühne sei. Und sie stellt klar: „Das Zentrum ist da, wo ich stehe.“

Mit solchen festen Standpunkten ist dann Schluss bei Rachid Ouramdane. Angeregt durch den Schmelztiegel Brasilien, will der französische Choreograf den Typus eines „zeitgenössischen Mischlings“ erschaffen. Neben Ouramdame treten drei brasilianische Tänzer auf, ihre Körper schimmern in Schwarz-Gold-Tönen. Identität an Hautfarbe zu koppeln, das will der Choreograf unterlaufen, faszinierende Mutanten, neue Männer gar sieht man aber nicht über die Bühne defilieren. Die Goldjungs bleiben undurchdringlich, taugen auch kaum zur Projektionfläche des (männlichen) Begehrens. Und die Coverboys einfach nur als Skulptur zu betrachten, dabei den Coverversionen berühmter Songs zu lauschen, ist auf die Dauer langweilig.

Zwischen Oberflächenreizen und ausschweifenden Körperfantasmen bewegt sich das Festival noch bis zum 25.2. Das Künstlerkollektiv Superamas entlarvt individuelles Verhalten als Kopie eines Klischees. Der New Yorker und Neu-Berliner Jeremy Wade zeigt mit sein erstes Gruppenstück „And pulled out their Hair“, eine Erkundung des ekstatischen Körpers. „2 For you“, der gemeinsame Abend des Staatsballetts Berlin und des Dresden-Semperoper-Balletts bietet lauter Pas de Deux. Bei der Abschlussveranstaltung kommt dann wieder der modebewusste Akademiker auf seine Kosten. Der Pariser Christian Rizzo, Choreograf und Modeschöpfer, wird zusammen mit Romain Kremer, dem neuen Darling der französischen Modeszene, eine Lecture-Performance abhalten.

Context #4 „Cover“ bis 25. Februar im HAU 1–3, Infos: www.hebbel-am-ufer.de

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