Kultur : Die Moderne kleidet die Tradition

Falk Jaeger

Neben dem laufenden Wiederaufbau der Frauenkirche nahezu unbemerkt wuchs unweit davon ein Neubau in die Höhe, der nach nur 17 Monaten Bauzeit morgen eingeweiht werden kann: die neue Dresdner Synagoge. 63 Jahre zuvor, am 9. November 1938 abgebrannt, die Reste systematisch abgetragen und zum Straßenbau eingesetzt - die Zeitläufe haben Dresdens Synagoge übel mitgespielt. Das Grundstück war dann in DDR-Zeiten zu einer verkehrsumtosten städtebaulichen Restfläche verkommen. Heute erheben sich dort die beiden Kuben des Neubaus, und er hat Mühe, über die Weite der Freiflächen hinweg Kontakt zur Nachbarbebauung zu halten. Denn eines ist er nicht: ein selbstbewusster Solitär, wie es noch Sempers hoch aufragender Vorgängerbau von 1840 gewesen war.

Aus Saarbrücken kommt das Team Wandel Hoefer Lorch und Hirsch, das sich gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen konnte. Noch immer sträuben sie sich, als Spezialisten angesehen zu werden, wenngleich sie mit der Gedenkstätte am Berliner Bahnhof Grunewald, mit dem zweiten Preis des Wettbewerbs der Synagoge in Mainz und dem Gewinn der Konkurrenz für die Synagoge in München bewiesen haben, dass ihnen die Umsetzung spiritueller Inhalte in architektonische Orte durchaus ein besonderes Anliegen ist.

In Dresden entschlossen sie sich, Gemeindehaus und Synagoge in zwei getrennten Baukörpern unterzubringen. Dazwischen ein ruhiger Hof mit einem Platanenhain und der Erinnerung an die zerstörte Synagoge, die Gottfried Semper in neuromanischem Stil errichtete. Deren Grundrissfigur zeichneten die Architekten im Boden symbolträchtig als Bruchglasfläche nach. Inschriften und einige noch vorgefundenen Steine, als Spolien in die Wand gesetzt, halten die Erinnerung wach. Und noch ein Relikt hat sich erhalten. Der frisch vergoldete Davidstern über der Tür zur Synagoge zierte früher einen der beiden Treppentürme. Er war 1938 von einem Feuerwehrmann geborgen und, auf einem Dachboden versteckt, bis heute aufbewahrt worden.

Wie eine christliche Kirche auszusehen hatte, wusste man zu allen Zeiten. Einen spezifischen Synagogenbaustil hatte es nie gegeben, denn die Juden in der Diaspora haben meist die Sakralbauformen des Gastlandes übernommen. Als sich die Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts emanzipierten und große Synagogen zu bauen begannen, wuchs zur selben Zeit das Nationalbewusstsein der Deutschen. So geriet der Synagogenbau in einen Stilkonflikt. Einerseits wollten sich die Juden mit deutsch-nationalen Bauformen zum Vaterland bekennen, andererseits sollte der Sakralbau den jüdischen Charakter nicht verleugnen, was meist durch orientalische Bauformen geschah - man denke an die Berliner Synagoge. Semper löste das Problem in Dresden, indem er den außen romanisierend gehaltenen Bau im Inneren orientalisch dekorierte.

Vom heutigen Neubau werden derlei formale Aussagen nicht erwartet, allzu plakative Symbolik wird im modernen Sakralbau vermieden. In Dresden stehen sich Synagoge und Gemeindehaus als Antipoden gegenüber, verschlossen, introvertiert die eine, offen, einladend das andere. Mit seiner delikat proportionierten Glasfassade gewährt es vom Hof aus Einblicke in das Foyer sowie in die Bibliothek, die Tagessynagoge und die Gemeinderäume in den beiden Obergeschossen. Sichtbeton (wenn auch nicht immer ansehnlich verarbeitet, welcher Handwerker beherrscht das schon) und Eichenholz bei den Fenstern, den Wandschränken, den Parkettböden sind mit Sorgfalt zu einer sehr angenehmen Raumstimmung komponiert. Der überraschend große Saal erhält sein Licht über schmale Außenfenster und Oberlichte. Gleichfalls überraschend die von außen nicht zu erahnende Dachterrasse, auch sie ringsum und am Fußboden mit Holz verkleidet - diesmal Teak - ein freundlicher Ort zur vielfältigen Nutzung.

Von außen gibt sich der Bau eher zugeknöpft. Was wie Sandsteinmauerquader aussieht, sind Kunststeine, die als Masse und durch die gleichfarbigen Fugen leider zu wenig Leben ausstrahlen (der Travertin am Kunstverein gegenüber hat dagegen richtig Feuer). Am Gemeindezentrum als Vorsatzschale konstruiert, setzt sich die Wand als Hofmauer aus tonnenschweren Quadern fort und verbindet sich mit dem geschlossenen Kubus der Synagoge. Dessen schrittweise Verdrehung des Baukörpers in jeder der 32 Steinlagen um 6 Zentimeter ist nicht nur ein baukünstlerischer Einfall sondern korrigiert einen Mangel des Grundstücks. Erst an der Traufkante in 19 Metern Höhe ist die exakte Ostrichtung erreicht, und an dieser Richtung orientiert sich innen der Kultraum der Synagoge, der gemäß der Vorschrift geostet sein muss.

Im Inneren haben die Architekten auf faszinierende Weise die Jahrtausende alte Ambivalenz des Synagogenbaus thematisiert. Ein Vorhang aus goldglänzendem Metallgewebe (Tombak, eine spezielle Messing-Legierung) umfängt den eigentlichen Kultraum und entspricht dem transportablen Stiftszelt für die Bundeslade, während die massive Außenwand den festen salomonischen Tempel symbolisiert. Alle Einbauten, das Gestühl, die Frauenempore und die Stirnwand, haben die Deutschen Werkstätten Hellerau aufs Feinste in Eiche gefertigt.

Almemor heißt das hölzerne Pult, an dem die Thora verlesen wird. Es steht inmitten der Gemeinde und konstituiert eigentlich einen Zentralraum. Aron hakodesch, der Thoraschrein an der Stirnseite, definiert jedoch wie der Altar in der christlichen Kirche einen nach Osten gerichteten Longitudinalraum. Es ist der historische "synagogale Raumkonflikt", den die Saarbrücker Architekten nicht ohne Probleme zu überspielen versuchten. Ein weiteres Spannungsfeld für den modernen Synagogenbau liegt zwischen orthodoxen und reformierten, den christlichen Liturgien angenäherten Riten. Ob die Frauenempore als solche genutzt wird, hängt von der Entwicklung der Gemeinde ab, ob die im Untergeschoss vorgesehene Mikwe, das Taufbad, noch ausgebaut werden wird, ebenfalls.

Als geistvolle architektonische Konzeption eines Traditionsorts wird die Dresdner Synagoge weithin Schule machen, als Baukunst allgemein besticht sie durch Atmosphäre und ihre Materialsicherheit bis insund ihrer Detail.

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