Kultur : Die Mörder sind nicht mehr unter uns

Gegen die Erstarrung des Gedenkens: Fünf junge deutschsprachige Autoren beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus

Jörg Plath

Soviel Hitlerzeit war nie. Je länger die zwölf braunen Jahre zurückliegen, desto präsenter scheinen sie zu werden. Nun rückt die Wahrnehmung der Enkel, die den Nationalsozialismus nicht erlebt haben, ins Zentrum. Sie werden die Erinnerungskultur der Bundesrepublik verändern. Tatsächlich halten sich die Nachgeborenen nicht an die großen Linien der offiziellen Erinnerungskultur. Sie stellen ihr den subjektiven Blick, die familiäre Geschichte entgegen. Neben Auschwitz treten Flucht und Vertreibung, neben deutsche Täter deutsche Opfer – und vielleicht entsteht so ein komplexeres Bild.

Dass zwischen Tätern und Opfern nicht so einfach zu unterscheiden ist, hat schon Spielbergs Film „Schindlers Liste“ gezeigt. Werden Interpretationen nicht immer wieder überprüft, verkommen sie zu schematischen Deutungsmustern. Zu Recht hat der Historiker Klaus Naumann die „Suchbewegung, in der stets aufs Neue Uneindeutigkeiten, Angemessenheitsprobleme und Zumutungen verhandelt werden“, als das Erfolgsgeheimnis der (bundes-)deutschen Erinnerungskultur bezeichnet.

Dieses Frühjahr beteiligen sich gleich fünf zwischen 1958 und 1970 geborene Autoren an der neuen Suchbewegung. Kerstin Hensel, Gila Lustiger, Eva Menasse, Arno Orzessek und Michael Wildenhain sind Nachfahren von Tätern wie von Opfern – und doch ist ihren Romanen der Versuch gemeinsam, Gegenwart und NS-Vergangenheit miteinander zu verbinden. Die Autoren schreiben sich auf der Suche nach der eigenen Identität in die Generationenfolge ein.

Eine lebenspralle jüdische Familiengeschichte, die sich nicht auf Verfolgung und Ermordung reduzieren lässt, erzählt Eva Menasses Debüt „Vienna“. Ob von exilierten oder im Reich gebliebenen Verwandten, von Deportationen oder Nachkriegsskandalen die Rede ist, der Ton bleibt stets lakonisch-ironisch: „In meiner Familie schämt man sich für Emotionen bis auf die Knochen.“

Gila Lustiger findet sich in „So sind wir“ mit dieser Beschädigung nicht ab. Der Gemeinschaftskundelehrer stellt sie als Tochter eines „Überlebenden“ vor: „Meine Individualität und mein Wesen, das sich doch nicht nur aus der Leidensgeschichte meiner Familie und des europäischen Judentums erklären ließ, blieben unangetastet.“ Daten und Tatsachen reichen nicht aus, meint Lustiger, „weil man der Geschichte meiner Familie nicht beikommen kann, wenn man sich nicht dem Zufall ausliefert. Und den Gefühlen, Geräuschen, Eindrücken, Begegnungen und Sehnsüchten.“ Die Kritik am Opferbegriff der offiziellen Vergangenheitsbewältigung enthält ein geschichtspolitisches Programm. Es ist das ästhetische des Buches, das den Vater liebevoll porträtiert und seine Geschichte rekapituliert – während eines Streifzugs durchs Pariser Nachtleben! An die Stelle des „Überlebenden“ und seiner Tochter sollen zwei „Lebende“ treten.

Auch die Nachkommen der Täter scheinen nicht zufrieden mit der vorherrschenden Vergangenheitsbewältigung – bis auf die aus der DDR stammende Kerstin Hensel, die alte Schlachten noch einmal schlägt: Sie benutzt den Nationalsozialismus zur DDR-Kritik, wenn sie in „Falscher Hase“ von Vater und Sohn erzählt, die mit ihrem unpolitischen Pflichtbewusstsein zu Stützen beider Systeme werden.

Hensels literarische Totalitarismusforschung über gleichbleibende Strukturen birgt die Tendenz zur Historisierung, die auch die Bücher von Arno Orzessek und Michael Wildenhain prägt. Beide erzählen von einer Liebe, die nicht am Nationalsozialismus, sondern am Krieg tragisch zerbricht, und von der erst Jahrzehnte später erzählt werden kann. Die Volksgemeinschaft in Orzesseks Debüt „Schattauers Tochter“ hat ihren Spaß in der „Reichskristallnacht“. Doch einen Namen trägt neben Mitläufern, Deserteuren und Nazigegnern nur ein „Demon“ (so heißen die Nationalsozialisten bei Orzessek). Bemerkenswerterweise wird Toll (!) als geil, gierig, opportunistisch und schmierig charakterisiert – die antisemitischen Stereotypen flottieren frei und dienen als Chiffre des Verachtungswürdigen.

Im zweiten Erzählstrang Ende der neunziger Jahre erwähnt ein Lehrer das Wort Holocaust, und sofort kommentiert der erzählende Schüler: „Plötzlich saßen wir in der Reuefalle.“ Reflexartig bricht sich Überdruss an der Routine der Vergangenheitsbewältigung Bahn. Anders als Lustiger weiß Orzessek nicht, was sich ändern soll – nur, dass es sich ändern soll.

Bei Michael Wildenhain stehen deutsche Opfer im Mittelpunkt. In „Russisch Brot“ erfährt ein West-Berliner Jugendlicher in den sechziger Jahren die traumatische Familiengeschichte. Seine Großmutter wurde in einer Scheune von Rotarmisten vergewaltigt, und weil sich die Mutter just dort mit ihrem Freund zur Liebesnacht versteckt hatte, mussten beide alles mitansehen. Die Opfergeschichte wird in Monologen erzählt, und Wildenhain beglaubigt diese Zeitzeugenberichte durch eine Spiegelung in der Gegenwart: Die Liebe des jugendlichen Ich-Erzählers zu einer Cousine in Ost-Berlin beendet ein Einreiseverbot. Wieder ist die Zeitgeschichte Widersacher des Glücks.

Eine Kluft durchzieht diese Bücher. Wildenhains Augenzeugenberichte, Orzesseks zwei Erzählebenen oder Lustigers Erzählung vom Überleben ihres Vater mitten im Pariser Nachtleben überwinden den Graben zwischen heute und damals mit einiger Mühe. Unübersehbar wird die NS-Vergangenheit zum Vorläufer der von allen dreien betriebenen Vatersuche in der Gegenwart. Das Herbeischreiben ist auch ein Wegschreiben. Diese Historisierung will keine Schuld, kein Leid relativieren, sondern einen Tradierungszusammenhang herstellen.

Damit nehmen die Autoren ein zentrales Motiv der Vergangenheitsbewältigung auf, das Konservative stets für unvereinbar mit einer „gesunden“ Identität halten: die Anerkennung der historischen Schuld. Das legt ein scheinbar paradoxes, durchaus optimistisches Resümee nahe: Die Historisierung der NS-Vergangenheit ist notwendig, um die Erstarrung des Gedenkens an sie zu überwinden. Der Erinnerungspolitik kann nur durch eine selbstbewusste Gegenwart erneuert und belebt werden.

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