Kultur : Die Mörder sind unter uns

Daniela Sannwald

"Zensur" munkelten nicht nur die großen Branchenblätter, die im Vorfeld über das Istanbuler Filmfestival berichteten; auch das Festival selbst wies auf seiner Website auf eine Programmänderung hin: "Hejar", der zweite Spielfilm der Regisseurin Handan Ipekçi, der sowohl staatlich gefördert als auch bereits auf dem nationalen Festival in Antalya ausgezeichnet wurde, durfte in Istanbul nicht öffentlich gezeigt werden. Diese Maßnahme trifft einen eher konventionellen, ziemlich rührseligen Film, dessen niedliche Titelheldin Kurdin ist. Hejars Eltern kommen bei einer Operation der türkischen Polizei ums Leben, und die Kleine, die sich in einem Schrank versteckt hatte, steht plötzlich vor der Tür eines pensionierten Richters in der Nachbarwohnung. Der bärbeißige Alte und das kulleräugige Kind lernen nicht nur jeweils die Sprache des anderen; sondern der Richter legt gar ein bisschen von seiner Verbohrtheit ab.

Abgesehen von dem in der Türkei leicht als kurdischer Vorname zu erkennenden Filmtitel kann man sich keinen Grund für das Verbot denken. So verschafft es "Hejar" und seiner Regisseurin eine Aufmerksamkeit, die der Film weder inhaltlich noch aesthetisch verdient hat.

"Es gibt", so vermutet der in den USA lebende Filmemacher Hakan "Sahin, "bestimmte Filme, die ein bisschen mit dem Skandal liebäugeln, um sie als PR-Maßnahme auf internationaler Ebene zu benutzen." Wie all seine türkischen Kollegen verlas Hakan "Sahin vor der Premiere seines Films ein Anti-Zensur-Statement, dem sich im Verlauf des Festivals die Jurys mit einer gemeinsamen Erklärung anschlossen. So umkreisten die Diskussionen häufig eher das Zensur-Thema als die Filme selbst. Ein Zuschauer gab gar zu bedenken, dass staatliche Verbote doch zu häufig die Kreativität der Filmemacher eher förderten; schließlich kämen eine Reihe ästhetisch bemerkenswerter Filme aus dem Iran und China, wo die Behörden wesentlich strengere Auflagen machten als in der Türkei. Hakan "Sahin wandte lächelnd und unter großem Beifall ein, dass dieser Effekt aber doch keinesfalls generelle staatliche Eingriffe rechtfertige.

Wundern musste man sich unter diesen Umständen in Istanbul allerdings darüber, dass ein Film wie "Das Foto" des kurdischen Regisseurs Kazim Öz, der zum Teil in Kurdisch gedreht ist und sich explizit mit dem türkisch-kurdischen Konflikt befasst, keinerlei Schwierigkeiten bekam. Stattdessen waren zwei Filme gefährdet, die in erster Instanz verboten, in zweiter dann wieder erlaubt wurden: "Hiçbiryerde / Im Nirgendwo" von Tayfun Pirselimo"glu befasst sich mit dem Problem jener spurlos verschwundenen Personen, zumeist politischen Aktivisten, die irgendwann vielleicht in einem Leichenschauhaus auftauchen. Es gibt allerdings bereits einen Dokumentarfilm von Hüseyin Karabey zum gleichen Thema, der auch in Berlin auf die Leinwand kam. "Im Nirgendwo" zeigt die Reise einer verzweifelten Mutter von Istanbul nach Diyarbakir, der größten Stadt im kurdischen Gebiet. Die Heldin scheitert an den im Gegensatz zur blendenden Weite der Landschaft undurchsichtigen Sozialstrukturen: Polizei, Militär, Mafia und die aus osmanischer Zeit übrig gebliebenen "Agas" scheinen die Herrschaft untereinander aufgeteilt zu haben.

Der beste Film des Festivals, "9" von Ümit Ünal, ist eine spannungsgeladene, exzellente Montage aus sechs Polizeiverhören: In einer intakten Istanbuler Nachbarschaft ist eine junge Ausländerin ermordet worden. In einem finsteren Büro werden die nächsten Anwohner verhört, und nach und nach kehren sie ihr Innerstes nach außen: Ressentiments, geheime Wünsche, Antipathien. Ünal, der als Filmschulabsolvent, Drehbuchautor und Regisseur von Werbeclips ein besonders versierter Handwerker ist, hat den ersten türkischen Spielfilm in DV-Technik gedreht. Drei Kameras hat Ünal um seine Protagonisten postiert, die sich auf einer Polizeiwache befinden. Man sieht also jeden einzelnen von ihnen gleichzeitig aus drei Perspektiven, eine Art Split-Screen-Effekt. Zwischen die Verhörszenen hat Ünal Passagen aus einem Amateurfilm geschnitten, der von einem der Nachbarn beschlagnahmt wurde und den entscheidenden Hinweis auf den Mörder der jungen Frau enthält.

Ünal vermutet, dass sein Film, der en passant extrem gewaltsame Übergriffe der Polizei zeigt, nur deshalb nicht verboten wurde, weil die innovative Technik bereits vor der Premiere erhebliches Medieninteresse weckte. Auf die Frage, ob er seinen Film als politisches Statement verstanden wissen will, antwortet er zögernd: "Ja, schließlich ist jede Äußerung politisch. Ich beziehe mich aber nicht ausdrücklich auf die Türkei, denn solche Sachen passieren überall." Auch Ümit Ünal lebt hauptsächlich im Ausland, zwischen London und Cambridge. Nach Istanbul kommt er, um Werbespots zu drehen. Das ist auch in der Türkei eine äußerst lukrative Tätigkeit, durch die Ümit Ünal seinen ersten Spielfilm beinahe komplett finanzieren konnte.

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