Kultur : Die Mördergrube

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Thomas Lackmann über Liebesreue, Immunität und Kontrollverlust

Erinnern Sie sich, wann Sie sich das letzte Mal im Ton gegen Ihre nervigen Kollegen vergriffen haben, ohne sich zu entschuldigen?

Nun, es gibt auch andere, so genannte ’tschuldigungdass-ich-geboren-bin-Leute; von denen soll hier nicht die Rede sein. Es gibt bollerige Typen ohne Selbstwahrnehmung, die nicht merken, dass sie Porzellan zerdeppern. Es gibt Möchtegern-Caesaren mit Minderwertigkeitskomplex, die fürchten, verletzbar zu werden, wenn sie was zugeben. Welcher Typ sind Sie? Welcher ist Berlusconi?

Jetzt hat der EU-Ratsvorsitzende also richtiggestellt, dass sein Telefonat mit Kanzler Schröder kein „Pardon“ war: Er habe lediglich bedauert, dass im Europaparlament, wo er dem deutschen Sozi Schulz die Rolle eines KZ-Kapos empfahl, seine Ironie nicht verstanden wurde. Das politisch-korrekte Europa legt Empörung nach, die Diplomaten zerren die Kuh vom Eis. Wir sagen: Danke, Silvio.

Wir erinnern uns. Förmliche Entschuldigung ist eine Zivilisationstechnik zur Schadensbegrenzung. Jeder Mensch hat eine Intimitätszone, die verletzt werden kann, weil Kulturen und Individuen sie unterschiedlich definieren, aber auch absichtsvoll oder im Affekt. Damit auf Tabubrüche keine Vergeltungsspirale folge, hat man früher Ochsen geopfert; heute zahlt man Bußgeld oder leistet höflich Genugtuung. Was nicht zu verwechseln ist mit der Umkehr, wie sie von der Religion, die auf das Herz des Menschen spekuliert, verlangt wird; Katholiken kennen sogar Qualitätsebenen der Reue, weshalb Furchtreue (Angst vor Strafe) weniger wert sein soll als Liebesreue (Trauer, weil man ein geliebtes Wesen verletzte). Die Entschuldigungszeremonie ist das rational heruntergekühlte säkulare Reueritual, so wie Politik die Vernunftversion des Krieges ist. Zeremonien ohne Gesinnungsinteresse mutieren freilich mitunter zur Farce: Längst ist die Distanzierung vom eigenen Bedauern – dumm gelaufen, schade eigentlich, war nicht persönlich gemeint – bei uns zum Alltagsidiom geworden.

Den kleinen Schritt von der Selbstdistanzierung zum Nachtreten hat Don Silvio spielend geschafft: Die Deutschen erklärte er zu humorresistenten Dumpfbacken, das Opfer Schulz machte er zum Täter, der sich bei ihm entschuldigen müsse. Trotzdem danke, Vorsitzender, dass Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube machen! Denn wir erinnern uns. Seit Heinrich IV. aus Kalkül drei Tage im Schnee von Canossa „büßte“, bis der Papst ihn rehabilitierte und die politische Kuh vom Eis kam, seit damals ist wohl nicht mehr so viel Entschuldigungsstroh gedroschen worden wie in den letzten Jahren auf der globalen Medienbühne. Clintons Reue-Orgie, Haiders verbale Katharsis zur FPÖ-Rettung – wissen Sie noch? Oder 2003, als der selige Populist Möllemann sagte, nicht die Juden wolle er beleidigen, doch Michel Friedman nehme er von seinem Bedauern aus? Das klang wie der unselige Populist Berlusconi heute. Aber Don Silvio will keine Schadensbegrenzung. Er sagt: Ohne mich, dieses Pardon-Spektakel!

Wir erinnern uns schlecht. Der unironische Gesichtsausdruck Berlusconis bei seinem Ausfall im Parlament – verdrehte Augen, die Maske des Kontrollverlusts – wird von anderen Bildern verdrängt werden. Wir vergessen, dass ihn die magische Formel Immunität so in Rage brachte; wie wir vergessen, dass Möllemanns Todessturz dem Verlust seiner Immunität folgte. Wer definiert für morgen die neuralgischen Grenzen zwischen Amt, Person, Öffentlichkeit? Der Unanfechtbare kennt kein Pardon. Der Traum, unverletzbar zu sein, zu bleiben, ist ein Allmachtstraum.

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