Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Nein, nicht über Fußball, ich habe es dem diensthabenden Redakteur versprochen, daß ich keine Glosse über Fußball schreiben, vielmehr: meine Glosse nicht über Fußball schreiben werde.Stattdessen über Lesungen.Lesungen, das ist, wenn einer ein Buch geschrieben hat, und dann lädt ihn eine Buchhandlung oder eine Volkshochschule oder ein Kulturamt ein, er solle doch kommen, an einem Abend und möge vor Leuten aus seinem Buch vorlesen.Und anschließend Bücher signieren.Und so.

Da ich gelegentlich ein Buch schreibe (achten Sie bitte auf die Schleichwerbung, die man product placement nennt, inzwischen), werde ich gelegentlich zu Lesungen eingeladen, und dann kommen in der Regel zwischen 80 und 200 Zuhörer, und das ist schön.Einmal habe ich in Eisenach gelesen, am Fuße der Wartburg (die nach der gleichnamigen DDR-Luxuskarosse heißt, und da kamen ganze 7 (in Worten: sieben) Zuhörer, und drei davon (in Zahlen: 3) waren Journalisten von der Lokal-Presse und dem Lokal-Radio, die kommen mußten - ob sie wollten oder nicht.An dem Abend aber war Champions Leaque und drei deutsche Vereine waren dabei: Na ja, König Fußball, Kaiser Fernsehen.Die drei Kollegen von der Lokalpresse schauten mich während der Lesung an, als hätte ich ihnen in die Suppe gespuckt.Die vier anderen Zuhörer waren freiwillig gekommen.Es waren ausnahmslos Frauen, deren Männer Fußball guckten.Zu Hause.

Letzten Freitag las ich in Minden, am Fuße der Porta Westfalica und des Herrmanns-Denkmals.Und es waren WM-Gruppenspiele, und Deutschland spielte noch nicht, und deshalb waren es stolze 19 Zuhörer.In Worten: Neunzehn.

1974 hatte ich eine Gastdozentur in Middlebury, im schönen Vermont, die ich eine Woche vor dem WM-Endspiel antreten mußte.Und das Endspiel wurde nicht im Fernsehen übertragen, weil Fußball damals für US-Amerikaner noch ein Fremdwort war, wie Glyptothek oder Zylindrokephalie.Und Deutschland (damals auch die BeErDe genannt) war im Endspiel.Also mietete ich mir einen Leihwagen und fuhr fünfeinhalb Stunden (in Zahlen: 5,5) über die kanadische Grenze nach Montreal, wo das Spiel übertragen wurde.Fünfeinhalb Stunden hin, fünfeinhalb Stunden zurück.Deutschland (beim Fußball hieß es eigentlich nie BeErDe) hat dann auch 2:1 gewonnen.

Und wenn an diesem Abend Walser, Grass oder Handke in Middlebury gelesen hätten? Tja! Lesen und lesen lassen.

P.S.: Ich wäre zu meiner Lesung in Eisenach auch nicht gekommen.

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