Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Letzte Woche saß ich im Flugzeug, und da bekommt man so Illustrierte, es ist wie beim Zahnarzt oder beim Friseur, und da las ich schon auf der Titelseite einer Zeitschrift, nennen wir sie ruhig "Bunte", daß Caroline von Monaco nicht mit einem Toten von Linz nach Paris geflogen sei.

Nicht? Erschrocken blickte ich, in 2000 Meter Höhe, zur Seite.Nein, der korpulente Herr neben mir war nicht tot, obwohl er die Augen geschlossen hatte, das konnte man schon am Schnarchen erkennen.Gott sei Dank! Gleich nach der Landung würde ich einen Brief aufsetzen, vielleicht sogar auf dem Luftpostpapier, das es in der Lufthansa gibt, gratis, ich würde also schreiben: "Hochverehrte Prinzessin", "Liebe Hoheit", "Verehrte Euer Gnaden", "Majestät", würde ich schreiben, "auch ich habe nicht neben einem Toten gesessen, als ich nicht von Linz nach Paris geflogen bin, sondern von Frankfurt nach Berlin." Und dann würde ich schließen: "Ist das nicht ein schöner Zufall, daß Ihnen, Hochwohlgeboren, fast das Gleiche wie mir passiert ist? Beziehungsweise, noch schöner, genau dasselbe nicht passiert ist.Beide flogen wir nicht mit einem Toten.Und schon gar nicht von Linz nach Paris.Ich nicht einmal von Frankfurt nach Berlin.Das schon gar nicht! Und soll sich doch der melden, der mit einem Toten von Linz nach Paris geflogen ist.Und dazu stehen.Und wie ist der Tote durch den Body-check gekommen? Außerdem finde ich es nicht ehrenrührig, von Linz nach Paris zu fliegen, selbst dann nicht, wenn man noch lebt."

Als ich so weit war, fiel mir das Porto ein, das Briefporto.Zwar kenne auch ich die neudeutsche Redensart: "Das zahlt der doch aus der Portokasse", aber ich weiß, daß das nicht heißt, daß das billig ist, also nix von wegen Einszehn, und dann schleckt man Marlene D.von hinten ab, nein, "das zahlt der doch aus der Portokasse" heißt, daß der Absender auch größere Beträge sozusagen "mit links" bezahlt, daß sie für ihn "Peanuts" sind, um eine andere neudeutsche Redensart zu bemühen.

Aber dann habe ich, zu meinem Glück, erfahren, daß "Ihre Gewogenheit", also Caroline, ihre Briefe nicht per Post übermitteln läßt, auch nicht per Kurier oder durch reitende Boten.Und auch Tote, die neben ihr sitzen, bittet sie nicht, wie wir jetzt wissen, einen Brief mitzunehmen.Das schon gar nicht.Nein, die Prinzessin und ihr Prinz (von dem die einen behaupten, er sei ein Welfe aus Hannover, die anderen, er sei ein Anwalt in Hamburg, aber das ist ein anderes Problem) korrespondieren mit dem Rest der Welt via "FAZ", indem sie eine Anzeige einrücken lassen, ganzseitig versteht sich, noblesse oblige, und dann schreiben sie: "Lieber Herr Burda!" Oder so.

Ja, und der ihnen antworten will, muß das dann genau so machen, auch eine ganze Seite, auch "FAZ".Doch die "FAZ" ist ein ziemlich teurer Briefträger.Statt Einszehn zum Euro-Tarif kostet ein Schreiben, das man per "FAZ" versendet, satte 52 800 Mark.

Kein Pappenstiel, dachte ich, und für mich auch keine Peanuts.Dann habe ich in meine Portokasse geblickt und habe dann 48 Marken à 1,10 gefunden, alle mit Marlene Dietrich vorne drauf.Den Brief an Caroline habe ich dann nicht abgesandt, kein "mit freundlichen Grüßen Ihr sehr ergebener" und auch kein "nach Diktat verreist".Und so wird die höchste Monegassin nie erfahren, daß auch ich nicht mit einem Toten von ...Übrigens hätte der schöne Schlußsatz meines Briefes gelautet: "Übrigens bin ich, wenn ich es recht überlege, in meinem langen Leben überhaupt noch nie von Linz nach Paris geflogen.Weder tot noch lebendig.Wozu auch? Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr ..."

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