Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Er ist "leitender Angestellter", wie man das so nennt, in der Chefetage, hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist, natürlich, lange verheiratet, eine Tochter, die beendet gerade ihr Gymnasium.Sie mag Papa sehr, bewundert ihn, obwohl (oder weil?) er nicht viel Zeit für sie hat: die Geschäfte, die Verpflichtungen.

Sie ist "ein junges Ding", wie man das so nannte, neu im Büro, und auf einer Partie, wo die Angestellten spontan noch "auf eine Pizza" zusammen bleiben, über den Feierabend hinaus, mischt er sich leutselig unter seine Angestellten, für einen Schluck.Sie schaut ihn an, er schaut sie an, neugierig, vielleicht ein bißchen herausfordernd, dann bittet er seine Sekretärin, die Neue zu bitten, ihm noch ein Stück Pizza zu bringen.Bei angelehnter Tür - er hat Angst, man könnte das sonst mißdeuten, fummeln die beiden ein bißchen aneinander herum, knutschen.Dann gibt sie ihm ihre Telefonnummer.Die beiden treffen sich in großen Abständen noch ein paar Mal, heimlich, versteht sich, meistens im Büro, in seinem Büro.

Sie treffen sich heimlich, versteht sich, denn er ist ein Angsthase, so finden die Treffen der beiden "meistens im fensterlosen Flur außerhalb seines Arbeitszimmers".

Sind Sie in seinem Arbeitszimmer, macht er vorsorglich das Licht aus.Einmal küßt er sie am Fenster, und sie wird böse weil er dabei mit offenen Augen ängstlich und argwöhnisch "aus dem Fenster guckt", um sicher zu gehen, daß keiner draußen ist.

Auch davor, daß sie zu hören sind, hat er Angst.Als sie einmal zusammen sind und seine Sekretärin noch im Vorzimmer arbeitet, legt er, während sie sich aneinanderdrücken, ihr die Hand auf den Mund, "um sie still zu halten".Ein anderes Mal beißt sie sich in die Hand, um keinen Laut der Erregung von sich zu geben.

Eine ganz alltägliche, eine banale, eine klägliche Geschichte, so verdrückt und verdruckst, daß sie fast schon wieder rührend ist.Eine so banale Geschichte, daß kein Erzähler von ihr Aufhebens machen würde.Oder gerade: um ihre Banalität zu betonen.Die Tristesse kleiner Fluchten aus dem Büroalltag.

Und über so eine Geschichte stürzt Bill Clinton, der damals der höchste Bürochef seiner Praktikantin Monica Lewinsky war und mit ihr ein paar Heimlichtuereien hatte, die erst schmuddelig werden, wenn man sie öffentlich macht.Nun steht er da, verlogen, feige, ängstlich, ein flüchtiger Liebhaber in dunklen Flurecken, der nicht einmal laut "Darling" oder "Baby" zu sagen wagte.Und eine Weltmacht stürzt in die Krise, Aktienkurse fallen, ein Parlament macht das Protokoll dieser kleinlichen, klammheimlichen Affäre aller Welt via Internet zugänglich, verwandelt uns alle in eine Meute lüsterner, schadenfroher Voyeure.

Das wäre, wenn es nicht so trostlos wäre, schon ziemlich komisch.Und der Spanner der Geschichte, der Sonderanwalt Starr, verwandelt das alles in bürokratische Pornografie.Wie sprechen Praktikantinnen in sogenannten "Protokollen"? "Ich bin nie davon ausgegangen, mich in den Präsidenten zu verlieben.Ich war überrascht, als es doch geschah." Und: "Die gefühlsmäßigen und freundschaftlichen Gefühle entwickelten sich nach Aufnahme der sexuellen Beziehung."

Tucholskys Oberbuchhalter Bosch beendete seinen Liebesbrief 1929 mit dem grauen Satz: "Es wird nachher in meiner Wohnung voraussichtlich zu Zärtlichkeiten kommen."

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