Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Bei Stammtischgesprächen (ist Ihnen eigentlich aufgefallen, daß es viel mehr Stammtischgespräche als Stammtische gibt?), also bei Stammtischgesprächen wird zur Zeit häufig die Frage ventiliert, was geschehen würde wenn ...Also beispielsweise wenn die SPD, sagen wir 40 Prozent bekommt und die CDU 39 Prozent und die PDS käme in den Bundestag, dann also, dann würde Gerhard Schröder Kanzler einer Großen Koalition (er könne damit leben, hat er gesagt, und das meint er auch so) und Schäuble Vizekanzler und Joschka Fischer könnte weiter fasten und joggen.Und Trittin und Gysi, die würden ..., aber das ist ja auch egal.

Oder: Die CDU bekäme, sagen wir: 40 Prozent und die SPD 39 und Gysi fünf Prozent und die FDP unter fünf Prozent oder die PDS drei Direktmandate und die Grünen und so weiter, dann würde Schäuble Kanzler und nicht Kohl, und Lafontaine würde Vizekanzler, und Gerhard Schröder (er müßte dann damit leben) bliebe in Hannover.Und Gysi, Trittin und Joschka Fischer, die sowieso, wenn auch nicht in Hannover.

Oder wenn die CDU zusammen mit der FDP die Mehrheit gewönne, dann bliebe Kohl Kanzler und die Freundschaft zwischen Lafontaine und Schröder ginge in die Grütze, und was sich zwischen Rühe, Stoiber und Schäuble abspielen würde, das kann man sich denken.

Wenn ich so was bei Stammtischgesprächen höre, plagt mich auf einmal das schlechte Gewissen, weil ich erschrocken feststelle, daß mir das im Grunde so was von egal ist und daß ich denke, daß sich, ob Schäuble, Schröder oder Kohl oder ob die Linde rauscht, eigentlich gar nichts ändern würde, jedenfalls nicht so schrecklich viel: wir müßten weiter Steuern zahlen, Mehrwert oder weniger, ich hätte weiter Zahnschmerzen und Herr Meier würde sich weiter mit seiner Frau streiten.

Und leider, um einen Augenblick ernst zu werden, blieben auch die vielen jungen Neonazis.Und die vielen Arbeitslosen auch.

Und dann erschrecke ich noch mehr und denke, was ich für ein unpolitischer Mensch geworden bin oder was das für unpolitische Zeiten sind.Und wie es früher noch so leicht war: SPD, das war der Untergang Deutschland, und alle Wege führten nach Moskau.Die CDU dagegen und erst recht die CSU, das war Strauß und rechts und fast schon wieder faschistisch oder so ähnlich.

Doch dann fällt mir Popper ein, Sir Popper, der einmal gesagt hat, das Wichtigste an der Demokratie (nicht die beste, aber die am wenigsten schlechte aller Regierungsformen) sei nicht, daß man wählen, sondern daß man abwählen könne.Denn aus der Furcht, abgewählt zu werden, würden sich die Politiker in Schranken halten und die größten Sauereien nicht begehen.Das klingt nicht staatsmännisch, ist aber wahr.

Aber nun versuchen Sie mal, Kohl abzuwählen.Und sagen Sie mir dann, wie das geht.

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