Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Letzten Donnerstag auf der Buchmesse.Rowohlt feiert am Abend mit Buchhändlern seinen 90.Geburtstag, ein Verlagshaus (seit kurzem auch mein Verlagshaus) erinnert sich seiner großen Traditionen, ein "Weißt du noch?" der Literaturereignisse.Und da trifft es sich gut, mehr als gut, daß an diesem Mittag der Literaturnobelpreis an José Saramago vergeben wurde: Man ist glücklich, stolz und feiert auch dieses Ereignis, den vierzehnten Nobelpreisträger des Verlags, zu denen auch die beiden großen französischen Antipoden des Kalten Krieges, Albert Camus und Jean-Paul Sartre, zählen, wobei Sartre aus politischem Protest die Annahme des Preises verweigert hatte.

Und der frühere Verlagschef Matthias Wegner erinnert nobel daran, daß die Lektorin Angela Praesent den Portugiesen für den Rowohlt Verlag entdeckt und "an Land gezogen" habe, seither ist sein Werk für deutsche Leser zugänglich, auch ein unlängst veröffentlichter großer allegorischer Roman "Die Stadt der Blinden", eine Menschheitsdämmerung.

Und während man feiert und sich erinnert und alte Chansons von Kurt Tucholsky neu gesungen werden, geht die Tür auf und in den Festsaal tritt - völlig überraschend - José Saramago.Saramago ist ein leiser, älterer Herr, wirklich ein Herr, wie es ihn in dieser Form und mit diesen Umgangsformen (alles wirkt distanziert, diskret und herzlich zugleich) vor allem in den lateinischen Kulturen gibt.Eleganz und Bescheidenheit in einem, und das gilt für das Auftreten wie für das Schreiben.

Saramago, der erste Autor portugiesischer Sprache, dem diese höchste literarische Ehrung zuteil wird, erzählt, wie er schon auf dem Weg ins Flugzeug war, schon den "Finger" zum Einsteigen betreten hatte, zum Abflug aus dem Messe-Trubel nach Lanzarote bereit, als ihn die Nachricht erreichte.Kurz entschlossen sei er umgekehrt, habe sich seine Koffer besorgt und sei mutterseelenallein einen langen Gang auf dem Frankfurter Flughafen zurückgegangen, schwer mit Gepäck beladen und habe stolz gedacht: Hier gehe ich allein und muß schleppen und bin doch, was keiner mir ansehen würde, ein Nobelpreisträger.Er sei stolz für die portugiesische Sprache und Literatur, und wir sind es mit ihm, und ein bißchen traurig dürften wir nur darüber sein, daß der andere große portugiesische Erzähler, Lobo Antunes, nach der geographischen Arithmetik des Nobel-Komitees nun wohl keine Chance mehr hat, aber wer weiß?

Am nächsten Tag fragen die Journalisten, natürlich, was er, Saramago, nun mit dem vielen Geld anfangen werde, und der 75jährige fragt mit leiser Ironie zurück: "Was würden Sie vorschlagen?" Und da ist mir der (inzwischen verstorbene) Axel Eggebrecht eingefallen, der über 80 war, weit über 80, sehr vital, sehr energisch, sehr fleißig und immer tätig.Und er hat einen Preis bekommen, einen gutdotierten Preis.Und als man ihn fragte, was er denn mit dem Geld anstellen wollte, sagte er: "Das kommt auf die Bank.Das lege ich mir für mein Alter zurück."

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