Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Wer fernsieht, versäumt das Leben.Wer nicht fernsieht, versäumt das Leben - anderer.Wo sonst könnte man, wenn es einem danach gelüstet, einen amerikanischen Präsidenten sehen, dem Intimbekenntnisse abgepreßt werden, wo einen russischen Präsidenten, der durch die Welt torkelt, ohne zu wissen, wo er ist und einen Wortschatz, der aus "Bububu" besteht? Wo, wenn nicht im Fernsehen?

Da sieht man also, wie das Leben so spielt.Und spielt das Leben nicht so effektvoll wie es wünschenswert wäre, damit der Voyeur auf seine Kosten kommt, dann muß man nachhelfen, dem Leben einen Tritt in den Hintern geben, auf den Putz hauen, die Puppen tanzen lassen.In Amerika macht das ungehemmt Jerry Springer, der in seiner Talkshow, so kann man lesen, die Leute mit Schlamm und Fäusten aufeinander losgehen läßt.In Deutschland, habe ich auch nur gelesen, glücklicherweise, folgt "Arabella" den neuen Sitten im Sauseschritt.Zwar ist "Arabella" nach Zensurdrohungen nicht mehr schweinisch schmuddlig, dafür aber moralisch zotig.Da wurde ein Christian ins Studio geladen, und man fragt ihn scheinheilig und um ihn aufs Glatteis zu führen, er sei Opel-Kadett-Fahrer und was denn seine Freundin dazu sage, wie heiße sie doch gleich? "Andrea", sagt Christian."Andrea? Nicht Nina?" fragt die Moderatorin und hat ihn da, wo sie ihn haben will."Nein, nicht Nina!" Mit Nina habe er Schluß gemacht.In dem Augenblick wird die 17jährige Nina in einer Einblendung gezeigt, ihr entsetztes Gesicht.Sie war ahnungslos, Christian wußte nicht, daß sie im Studio sei.Jetzt wird sie losgelassen, stürzt auf die Bühne, verpaßt dem Treulosen eine Ohrfeige.Applaus, Applaus!

Ich habe das glücklicherweise nicht gesehen, weil ich mich schon geschämt hatte, daß ich der Gefühlsexplosion ungebeten zuschaue.Aber mißmutig, vielleicht sogar traurig kann man über dreierlei werden.Einmal, daß es Leute gibt, die offenbar so alleingelassen in der Welt sind, daß sie ihr Gefühl aus dem Bildschirm schreien, die keine Scham vor der Öffentlichkeit haben.Zweitens, daß es ausgebuffte TV-Macher gibt, die keinerlei Skrupel mehr haben, andere dort bloßzustellen, wo das Privateste privat, das Intime intim bleiben müßte.Und darüber, das ist das Traurigste: daß es Leute gibt, die sich gern in fremden Intimitäten suhlen, nicht als Zaungäste, sondern als Spanner.Wie wenig müssen wir leben, wenn wir uns in fremde Leben drängen müssen, um uns darin zu suhlen.Auf zu "Arabella"! Es ist angerichtet!

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