Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Zwei Spieler waren es vor allem, die den legendären deutschen Fußball der Siebziger prägten, als das Kicken der Deutschen nicht mehr nur das fleißige, pflichtversessene, mit zusammengebissenen Zähnen ausgeübte Gerackere war, mit dem "wir" 1954 Weltmeister geworden waren.Zwei Spieler, die dem deutschen Spiel Witz, ja Esprit, Eleganz, Leichtigkeit, manchmal sogar Übermut gaben - Fußball als die schönste Nebensache der Welt, Fußball als populärste Blume der Subkultur; nicht mehr nur ein Sport fanatischer Vereinsanhänger, sondern etwas, das sich der neue Mittelstand, die neue Generation ansah wie später das Tennisspielen von Boris Becker und Steffi Graf.Die beiden Sportler, die einem Prol-Sport den Glanz und die Eleganz des Spiels gaben, waren Franz Beckenbauer und Günther Netzer, beides in Wahrheit natürlich auch zähe, fleißige Arbeiter (anders kommt man im Fußball nicht nach oben und bleibt dort auch nicht), beide aber Spieler, denen die Schwerkraft ihres Spiels nicht mehr anzusehen war.Netzer (ja, der aus "der Tiefe des Raums"), gab die Flanken, denen man im Flug ansah, wie geistvoll, ja intelligent sie geschlagen waren, und Beckenbauer, längst zum "Kaiser Franz" avanciert, war ein tänzelnder, leichtfüßiger Spieler, mitten in der schweren Abwehr, aus der er den leichten Angriff aufbaute, ein Libero par excellance.Später bordete sein Spielwitz, seine Laune so über, daß er im Eifer des Gefechts auch Eigentore schoß - aber auch das nahm ihn niemand übel.

Beide hatten ihr "Come-back" jetzt in den Tagen der Niederlage, als eine schwerfällig ackernde Mannschaft in Frankreich verlor - auch die Reputation des Fußballs.Netzer als kluger, witziger, besonnener Kommentator: seine Kommentare erinnerten, wie einst sein Spiel zeigte, daran, daß Fußball durchaus auch ein geistvoller Sport sein kann.Der andere als Erinnerung an die Zeit, als wir noch Weltmeister werden konnten.Beckenbauer, der Kaiser, war nie wirklich weg.Er, der eigentlich aus dem Prolet-Humus der "Sechziger" kommt und bei den feineren "Bayern" kickte, hat immer die elegantere Seite des Fußballs verkörpert und machte im Smoking in Bayreuth, später beim Golfen in Kitzbühel gute Figur.Jetzt ist er als "Vize" des Deutschen Fußballbundes bestellt worden, als Vertreter der Neuzeit neben Ägidius Braun.Denn soviel ist klar: Beckenbauer hat, zusammen mit Uli Hoeneß, aus den "Bayern" längst etwas anderes gemacht als einen typisch deutschen Bundesliga-Verein.Die "Bayern" sind (deshalb ebenso gehaßt wie geliebt) ein modern-gemanagtes Kultur- und Freizeit-Industrieunternehmen (wie "Manchester United", "Real Madrid" und "Inter Mailand).Wird sich, mit Beckenbauer an der Spitze, der deutsche Fußball ummodeln, nach Bayern-Art? Es ist zu fürchten und zu hoffen.Um mit dem "Kaiser" zu sprechen: "Schaumermal!"

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