Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Über Alzheimer gibt es, da es eine so schreckliche Krankheit und ein so fürchterliches Leiden ist, viele Witze, als Ventil sozusagen, um sich über das Lachen Befreiung von dem Überdruck zu verschaffen.Also: Kommt ein Mann zum Arzt und sagt: "Herr Doktor, es ist schrecklich, aber ich kann mir überhaupt nichts merken, ich vergesse alles sofort wieder".Darauf der Arzt: "Seit wann haben Sie denn das?" Und der Patient: "Was?"

Ich stehe in Tübingen in der Hafengasse, vor dem Hotel "Prinz Karl", ein Haus, das die gedrungene Schönheit Tübingens (Bursa, Stiftskirche, Markt) verkörpert.Der Eingang ist ein Tor mit breitem Bogen, das erste wie das zweite von den drei Stockwerken hängt über dem Erdgeschoß mit seiner 10-Fenster-Front mit den roten Geranien und den aufgeklappten Fensterläden nach vorn, als wollte es sich auf die Straße stürzen.Das Haus ist schmutzig gelb und von verwitterter Schönheit, davor buckliges Kopfsteinpflaster, man spürt jeden Schritt an der Sohle.Eine Gasse, die sich immer noch in ihre schöne, klobige, spröde Vergangenheit ducken möchte.

Mir fällt ein, wie ich vor 35 Jahren hier gegessen habe, der "Prinz Karl" war die Mensa der Universität (ist es wohl noch heute).Tübingen hatte damals rund 3500 Studenten, und am Donnerstag gab es in der Mensa Linsen und Spätzle, dazu ein Paar Saitenwürscht; ach, bis heute kenne ich nichts Besseres und wenn es nicht auf die Figur zu achten gäbe, täglich könnte ich das essen.Linsen, Spätzle, Saitenwürscht.

Und Percys Gearing fällt mir ein, eine amerikanische Studentin, die hieß wie ein US-Admiral und wie ein Kreuzer oder ein Schlachtschiff und hatte glänzend blaue Augen und eine Delle mitten in der Nase.Und ich saß mit ihr beim Essen, diesmal weiße Bohnen, als Eintopf, und ihr Freund, ein Germanist, erklärte ihr, daß Schluß sei, zwischen ihm und ihr, und da fiel ihr alles, was sie an weißen Bohnen gegessen hatte, und das war viel, wieder aus dem Hals, zurück auf den Teller.Schrecklich.Ich habe seit der Zeit nie wieder weiße Bohnen gegessen.Jedenfalls selten.

Und jetzt stehe ich vor dem "Prinz Karl" und bin nostalgisch oder wie das so heißt.Aber dann entdecke ich ein Schild, und auf dem steht: "Hier wohnte Alois Alzheimer (1864-1915) in den Jahren 1886/87 als Student.Die nach ihm benannte Erkrankung stellte er erstmals 1906 an der hiesigen psychiatrischen Universitätskinik der Öffentlichkeit vor."

Das Schild ist neu.Und in meinen Gedanken erscheint ein anderes Schild, ein imaginäres: "Hier kotzte Percys Gearing 1962 ihren Liebeskummer nach einem Eintopf zurück auf den Teller." Das hatte ich, bis ich das Alzheimer-Schild sah (das es damals noch nicht gab), vergessen.Oh seliges Vergessen!

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