Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

"Das holprige Meisterstück ist nun gedruckt im Taschenbuch für Damen für 1806, und beweist auf drei kleinen Blättern, daß Goethe leider kein Deutsch versteht." Der so über eines der schönsten Gedichte Goethes herfällt ("So viele Sprachfehler in zehn Stanzen!"), ist der damals hochberühmte, vielgespielte August von Kotzebue, der später einem Attentat zum Opfer fiel - wenn auch nicht wegen seiner Kritik an Goethe, das nun doch nicht, soweit ist man auch damals nicht gegangen, auch wenn unser Olympier, und das ausgerechnet im "Faust", ein Kritiker-Opfer fluchend sagen läßt: "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent.

Merk, der vorgab, ein Freund Goethes zu sein, schrieb dem Freund über dessen Autobiografie "Aus meinem Leben": "Solch einen Quark mußt Du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die Andern auch!" Und über "Clavigo" schrieb ein "G-s-r" im "Magazin der teutschen Kritik": "Der erste Akt war unerträglich trocken und langweilig" Und: "Fehler über Fehler!"

Christian Grabbe, immerhin ein Konkurrent Goethes, schrieb über den "Faust": "Alles erbärmlich.Gebt mir jedes Jahr 3000 Taler und ich will euch in drei Jahren einen Faust schreiben, daß ihr die Pestilenz kriegt." Und ein gewisser Trenz von Spaun meinte zu Goethes berühmtester Theatergestalt: "Ein Kranker, der in der Fieberhitze phantasiert, schwitzt lange nicht so albern als unser oder vielmehr der Goethesche Faust." Und weiter: "Der arme Faust spricht ein ganz unverständliches Kauderwelsch, in dem schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgend einem Studenten versifiziert worden ist." Und noch besser: "Mein Präzeptor hätte mir dem Steiß vollgehauen, wenn ich so schlechte Verse gemacht hätte." Immerhin, der Gesellschaft "Rettet dem Dativ" dürfte Herr von Spaun inzwischen beitreten.

Das nahende Goethe-Jahr bringt viel.Eine wunderbare Biografie über Christiane Vulpius zum Beispiel.Und das köstliche Büchlein "Der unbegabte Goethe.Der Dichter in mißwollenden Zeugnissen seiner Mitlehrenden." Das Buch ist, erstmals, 1832 in Basel erschienen.Die Neuauflage im Hanser-Verlag hat den Goethe-Verrissen boshafte Bilder von Hans Traxler beigesellt, die Goethe mit Eselsohren, als dummen Schuljungen oder von Friedrich dem Großen gezüchtigt zeigen.

Denn Friedrich fand Goethe "verabscheuungswürdig", "abgeschmackt", seine Theaterstücke gar "abartig! Daß Heine und Börne Goethe nicht mochten, wußten wir schon ("Goethe hat eine lächerliche Schachtelwut" schreibt Börne."Er ist jetzt ein schwacher abgelebter Gott", schrieb Heine - freilich erst über den alten Goethe).

Aber daß Goethe die Rezensenten totschlagen wollte, versteht man erst nach der Lektüre dieses Bändchens.Und möchte Goethen, olle Goethen zustimmen.

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