Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Alfred Polgar, der Großmeister der kleinen Form, hat herausgefunden, was ein "Feuilleton" sei, wobei er unter "Feuilleton" nicht den Kulturteil einer Zeitung verstand, sondern eine ursprünglichere Bedeutung im Sinn und vor Augen hatte, die der Glosse, des Aperçus, der kleinen zugespitzten, auf eine Pointe zulaufenden Geschichte, Polgar hat also herausgefunden: Ein Feuilleton ist ein "Nichts", "ein Nichts, aber in Seidenpapier".Eine schöne Verpackung also, wobei das "Geschenk" im Auspacken, in der Freude des Auswickelns besteht, drinnen, dahinter "Nichts".Also nicht mal, mit Shakespeare, "Viel Lärm um Nichts", sondern ein leises Knistern um Nichts, eben Seidenpapier.

Karl Kraus, der wie Polgar die gleiche Wiener Caféhaus-Luft einatmete, eine zu Aperçus verleitende, zu Bosheiten und Zuspitzungen, hat anders das Gleiche definiert: Ein Feuilleton schreiben, heißt, auf einer Glatze Locken drehen.Wer wie ich, Woche für Woche, Montag für Montag, ein Feuilleton zu schreiben hat, darf einmal, nach zwei Jahren, das Glossenschreiben selbst zum Glossenthema machen.Und er darf, einmal, seufzen: Wie wahr! Auf einer Glatze Locken drehen! Eine schwierige Barbierkunst und Friseurdisziplin.Der Berliner hat, zwar nicht aufs Schreiben bezogen, eine ähnliche Redensart wie die von Locke aus der Glatze, die da heißt: Versuchen Sie mal, einen nackten Mann in die Tasche zu greifen! Oder: Kieka aus Fenster, wenn de keen Kopp hast.

Ja, versuchen Sie es mal! Aber das Bild vom Glossisten als Lockenwickler geht mir die Woche lang nicht aus dem Sinn.Man liest sich durch die Zeitungen, auf der Suche nach möglichen Themen, kleine, leichte müssen es sein, keine Friedenspreisdebatte, um Himmels willen nicht.Stattdessen Abseitigkeiten, Merkwürdigkeiten, schräge Blicke, eben Locken, wo eigentlich nichts ist als eine kahle Glatze.Da, um ein Haar hätte ich ein Thema gefunden, Julie Partanski, die Bürgermeisterin der Stadt Davis im US-Bundesstaat Kalifornien, die ihren Bürgern abends das Licht ausschalten will, damit die endlich einmal wieder den nächtlichen Himmel und seine diamanten glitzernden Sterne sehen könnten.Glückliches Kalifornien, denn was sähe man bei uns? Wenn man uns das Licht abdrehte? An 366 von 365 Tagen: Nichts.Ein Nichts, aber nicht in Seidenpapier, sondern in schwarzen Wolken.

Doch dann fällt mir die eiserne Glossen-Regel ein: Nie übers Wetter! Nie! Denn das ändert sich.Schreibst du, daß du frierst, fegt am Montag eine Hitzewelle durch die Stadt.Und umgekehrt.Oder ganz anders.

Also nicht über den kalifornischen Nachthimmel.Das wäre haarscharf daneben, wäre an den Haaren herbeigezogen, und Kolleginnen und Kollegen mit Haaren auf den Zähnen fänden schnell ein Haar in der Suppe.Lassen wir diese Glatze also unbelockt, lassen wir Julie Partanski ungeschoren, krümmen wir der Bürgermeisterin von Davis kein Härchen.Diesmal.Und wie schreibt man "Härchen"? Vor und nach der Rechtschreibereform? Aber dies ist eine andere Glatze.

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