Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Am Sonnabend wurde Johannes Heesters 95.Fünfundneunzig.Aber das allein ist es noch gar nicht, daß der ewige Bonvivant, der Dauer-Lebemann, die Verkörperung des "Graf von Luxemburg"-Charmes so alt wurde.Nein, es ist viel mehr, daß einem zu Heesters das Wort "unverwüstlich" einfällt.Unverwüstlich: So ist er auch ins Guinness-Buch der Rekorde gekommen, als der Schauspieler, der als Ältester am längsten noch auf der Bühne gestanden hat, mit 93 über zwei Stunden.

Auf der Bühne steht er immer noch, er verkörpert das Alter, das er verkörpert; längst der Operette in das Charakterfach entwichen, spielt er den Widerstand, den das Leben dem Alter entgegensetzt, und so fällt einem eben das Wort "unverwüstlich" ein, was auch gleichzeitig heißt, daß das Leben Verwüstungen anrichtet, solche, die nie wiedergutzumachen sind.

Dann kommt man doch wieder zur Operette, zu deren seliger, herrlicher Idiotie - und wie sie hilft, uns über die Verwüstungen hinwegzumogeln.Damals war ich elf, es war Nachkrieg, Winter, Stromsperre, und es gab nichts zu essen, jedenfalls fast nichts.Und in einem Kino in Stollberg im Erzgebirge (damals 14 000 Einwohner) lief die "Fledermaus", und Johannes Heesters war der Eisenstein, dieser Filou mit den Frauen und dem Champagner.Und so bin ich Nachmittag für Nachmittag mit knurrendem Magen in die "Fledermaus" gepilgert, ja gepilgert, um für anderthalb Stunden aus der Realität auszusteigen, in eine bessere Welt, in der es Smaragde und genug zu essen und zu trinken und schön gekleidete Frauen gab.

"Die Fledermaus" war ein sogenannter Überläuferfilm, er wurde unter den Nazis gedreht (in Prag, das Wien hergeben mußte, weil das richtige Wien schon zu zerbombt, verwüstet war, um noch Wien darstellen zu können), und in der sowjetischen Besatzungszone, in Babelsberg wurde er fertiggestellt: von beiden, den Nazis wie den sowjetischen Besatzern, zum gleichen Zweck: um Leuten wie mir wenigstens für kurze Zeit eine Flucht aus der Wirklichkeit anzubieten, ins Land des Operettenschmalzes.

Der Film ist gar keine so so gute Version dieser hinreißendsten aller Operetten, die es auch an Abgründigkeit mit so mancher Oper aufnehmen kann.Aber Johannes Heesters ist hinreißend.Er wirkt unwiderstehlich, wenn er verkündet: "Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist." So lautet die leichtsinnige Botschaft der Unverwüstlichkeit.Und siehe da, und siehe Heesters: Sie hilft.

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