Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Im Zuschauerraum saß die Creme der Hamburger Gesellschaft, das, was in Klatsch-, Gala- und Society-Zeitschriften ein "handverlesenes" Pubikum genannt wird: Rechtsanwältinnen, Notare, Kaufleute, Ärzte, Galeristen, Künstler, Stars, Politiker.

Auf der Bühne sozusagen das Beste, was Deutschlands Schauspielkunst zu bieten hat, vor allem Susanne Lothar, sicher die radikalste und mitreißendste Schauspielerin ihrer Generation, seit sie Zadeks "Lulu" war.

Schauplatz sind die Hamburger Kammerspiele.Auf der Bühne passiert folgendes (in nicht alphabetischer Reihenfolge): Einem schwulen Lover, der seinem Freund ewige Liebe verspricht, wird von einem Arzt (eine Kreuzung aus Caligari, Mengele und Dr.Eisenbart, gespielt von Ulrich Mühe) erst die Zunge herausgeschnitten, sie liegt als blutiger Fleischfetzen herum, dann beide Hände (auch hier spritzt Blut, Theaterblut), dann beide Beine, schließlich der Penis.Dieser wird im Laufe des Abends einer Frau, die ihr Bruder werden möchte, anoperiert.Jetzt hängt er an der Nackten, der man offenbar auch die Brüste, ein blutiges Unterhemd deutet darauf hin, amputiert hat.Die Schauspieler ziehen sich dauernd aus und an, stehen nackt, ärmlich und blaß herum, werden sadistisch geschunden, körperlich und seelisch mißbraucht, bluten, lallen, leiden - und fallen immer wieder kopulierend übereinander her, nur die schlaff baumelnden Glieder der Männer verraten, daß es sich auch hier nur um Theater handelt - wir sind nicht in St.Pauli, wir sind in den Hamburger Kammerspielen.

Es handelt sich um "Gesäubert", das Stück der 27jährigen Engländerin Sarah Kane.Wie es im Kopf der schief lächelnden, knabenhaft zarten Autorin aussieht, möchte man nicht wissen, dafür wird es einem gezeigt, auf offener Bühne, von einem gewieft schonungslosen Exekutor wie Peter Zadek.Man fühlt sich dumpf gepeinigt, verschreckt, gequält.Das soll man ja wohl auch.

Trotzdem: zu einem Skandal kommt es nicht.Es gibt keine Theaterskandale mehr, was auch auf der Bühne passiert: ob masturbiert wird, inzwischen ein Alltagsgeschäft der szenischen Seelenentblößer, ob auf offener Bühne geblendet wird wie bei Bond, ein Freier den Kot seiner Hure in ihre abgeschnittenen Haare schmiert wie bei Kroetz - die Hamburger Gesellschaft, die Hamburger Theatergesellschaft ist nicht mehr aus der liberalen Ruhe zu bringen: Man zeigt sich, im dunklen Zwirn und glitzernden Abendkleid, beeindruckt, kommentiert fachmännisch und zurückhaltend die angedeuteten Kopulationen und Verstümmlungen und fühlt sich um eine düstere Deutung der Welt bereichert.Es ist zum Verzweifeln, aber ein Skandal, nö, das ist es nicht.Skandale, Theaterskandale gibt es nicht mehr.Nicht in Hamburg.Hier nicht.

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