Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Es gibt sie nur im Spätherbst und im Frühwinter, die weißen Trüffeln, wobei die besten aus Alba kommen, wo es auch eine Trüffel-Börse gibt und eine Trüffel-Mafia natürlich: Wenn etwas wertvoll, kostbar und teuer ist, kann das nicht ausbleiben.Die weiße Trüffel, eine aromatische Köstlichkeit, die herb, streng, intensiv, einmalig riecht - man schmeckt sie mit der Nase wie mit der Zunge, mehr mit der Nase und dem exklusiv snobistischen Gefühl, sehr wenig für sehr viel Geld zu essen - die weiße Trüffel also, die als Aphrodisiakum verschrien ist, gibt es, wie den Steinpilz, nur kurze Zeit.Während man bei Spargel, Erdbeere oder Orange die Jahreszeiten leicht übertölpeln kann (schon lange ist es nicht nur Weihnachtszeit, wenn es nach Mandarinen riecht), widersetzt sich die Trüffel, vor allem die weiße, dem ganzjährigen Verschleiß.

Der Parasit oder Schmarotzer aus der Abteilung der Askomyzeten und der Familie der Tuberazeen wächst an den Wurzeln bestimmter Bäume, wird von Trüffelhunden verbellt, von Trüffelschweinen aufgespürt, ist sündhaft teuer und wird über Nudeln, Carpaccio, Risotto, Fisch, Kartoffelbrei, Spiegelei und Spinat dünn gehobelt und geraspelt.Und da er selten ist, der Piemont-Trüffel aus Alba (er riecht wie ein Renaissance-Bett nach einer Liebesnacht), mischen ihm Gauner geschmuggelte Trüffeln aus Kroatien bei, die neben die duftenden Originale gelegt werden und deren Geruch so ziemlich annehmen.

Aber nicht das wollte ich erzählen, keine Gourmet-Geschichte (wenn man Pech hat, kostet ein Kilo Trüffeln, "weißes Gold" genannt, über 8000 Mark, aber keine Angst, man braucht nur ein paar Gramm), sondern von einem Erfinder.Vor zwei, drei Jahren geisterte ein Biologe durch die deutschen Zeitungen, dem es erstmals gelungen sein sollte, diese kostbare weiße Trüffel einfach zu züchten.Trüffel-Bänke anzulegen.Wie Austernbänke! Er züchtete also, und das mit Erfolg! Schließlich kam er, als es ihm gelungen war, die weiße Trüffel anzubauen wie Spinat, Rotkohl oder Ravioli (werden die eigentlich angebaut, gefischt oder geschossen?), ins Fernsehen.In "Tagesschau" und "Tagesthemen", in "heute", und "heute journal" und ntv, dort stündlich.Stolz erzählte er, daß es ihm geglückt sei, Trüffeln zu züchten.Jawoll! Echte weiße Trüffeln! Aus Hannover oder Braunschweig statt aus Alba.Das Ei des Kolumbus! Die Trüffel des Polykrates! Sie wüchsen bisher, man müsse nur den Boden injizieren, ohne Probleme.Einen Nachteil hätten sie allerdings, sie seien zwar total wie weiße Trüffeln, aber sie hätten - leider, leider! - kein Aroma.

Ich stellte sie mir vor.Trüffeln ohne Aroma, das ist wie Radiergummi, dünn über Tagilatelle gehobeltes Radiergummi.Gekonnt gezüchtet, aber dennoch Mist! Als ob ein Genetiker den intelligentesten Menschen mit Gen-Manipulation geklont oder sonstwas hätte und nun verkünden würde: Sie habe alles bisher, diese Intelligenzbestie, nur kein Hirn.Oder man würde eine Rose kreieren, die überall wüchse, in zehn Minuten, nur schwarz-weiß und ohne Duft.

Von dem Trüffel-Erfinder habe ich seit zwei Jahren nix mehr gehört.

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