Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Im Spätherbst traf ich August Everding zum vorletzten Mal, wir beide diskutierten im Brecht-Jahr in Augsburg in einer öffentlichen, vom Bayerischen Fernsehen ausgestrahlten Veranstaltung über Brecht, und Everding, der Brecht noch bei Proben an den Münchner Kammerspielen erlebt hatte, erzählte die vergnüglichsten und nachdenklichsten Geschichten über den Stücke-Schreiber, vor allem daß Brecht weniger Brechtianer war als seine Adepten, Jünger und beflissenen Nacheiferer seiner Theorie.

Everding saß schon da, in einem Vorbereitungsgespräch im Kulturhaus, als ich ankam.Von seiner schweren, tödlichen Krankheit wußte ich noch nichts, ich sah nur zwei Krücken, an seinen Stuhl gelehnt.Everding, der liebenswürdigste Mensch, den ich kannte, immer in der Stimmung, dem anderen, dem Gegenüber, Vergnügen zu bereiten, war auch an diesem Sonntagvormittag liebenswürdigster Laune.Auf die Krücken angesprochen erklärte er, es gehe ihm, abgesehen von einem dummen Bandscheibenvorfall, gut.Ein Regisseur auf Krücken, er lachte leicht, sei allerdings in seinen Entfaltungsmöglichkeiten eingeengt, er könne seinen Sängern auf der Bühne nichts vorturnen.Alles, was er sagte, war von einer großen Freundlichkeit und hatte etwas schwebend Leichtes.

Als wir ins Auditorium gingen, sagte er mit einem Verzeihen heischenden Lächeln, bei ihm ginge es, leider, leider, nicht so schnell.Sein Gesicht wirkte entspannt, gelöst.Nur einmal erschrak ich, als ich ihn, von der Seite, in einem Augenblick sah, wo er sich offensichtlich unbeobachtet wähnte: man sah einen Moment, wie er einen offenbar heftigen Schmerz niederkämpfte.

Während der Diskussion war er Feuer und Flamme für unseren Gegenstand, eben der August Everding, der gleichzeitig ein Causeur war und mit jedem Satz seine Liebe und Begeisterung für das Theater offenbarte - eine ansteckende Liebe.

Schließlich, nach der Diskussion, wir verabschiedeten uns nach einem Mittagessen, lud er mich ein, ihn doch möglichst bald im Prinzregententheater zu besuchen."Es ist jetzt fertig.Und es ist wunderschön geworden! Ich möchte es Ihnen unbedingt zeigen!"

Daraus ist dann nichts mehr geworden.Aber als ich vom Tode dieses großen, ansteckend temperamentvollen Theatermannes hörte, der ein Genie im Mutmachen und Begeisterungstiften war, fiel mir seine Tapferkeit ein, mit der er andere mit seinem großen Leiden zu schonen und zu verschonen suchte.

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