Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Am Wochenende, als ich diese Glosse schrieb, war König Hussein von Jordanien tot, aber noch nicht gestorben, oder er war gestorben, aber noch nicht tot.Der Monarch war von den USA nach Jordanien zurücktransportiert worden, nachdem eine neuerliche Knochenmarktransplantation sein Krebsleiden nicht hatte aufhalten können.Mehrere Organe hatten ihren Dienst im Körper des Königs versagt, aber auf der Intensivstation des Hussein-Krankenhauses in Amman hatte man den Moribunden noch an Beatmungsgeräte und andere die Körperfunktionen erhaltende Maschinen angeschlossen: Man hielt den Toten am Leben.Sein Tod, so hieß es, werde erst offiziell erklärt, wenn die Geräte auf Anordnung der Familienangehörigen abgestellt werden würden.

Diese Glosse will nicht darüber räsonieren, welch abstrusen Zweikampf der Tod und die Maschinen-Medizin gegeneinander auszufechten in der Lage sind - wobei der Tod, wie immer, Sieger bleibt.Einige politische, orientalische Komplikationen sind mir dennoch in den Sinn gekommen.Daß zunächst niemand, zum Beispiel in der Familie des beliebten und (für den diffizilen) Friedensprozeß in Nahost so wichtigen Herrschers, den Mut aufzubringen schien, das Gerät abschalten zu lassen, so daß aus Leben (das keines mehr war) Tod (der längst eingetreten schien) wurde.War es Furcht, Pietät, war es politische Rücksicht? Standen Machtkämpfe im Palast von Amman im Hintergrund? Streitigkeiten hinter den Kulissen zwischen dem von Hussein eingesetzten Sohn Abdallah (der bis gestern offiziell, aber provisorisch die Herrschaft übernommen hatte, wenn auch nur so, als weilte der König nicht im Jenseits, sondern nur im Ausland) und dem Hussein-Bruder Hassan? Ich weiß es nicht.

Mir fiel nur der Serail von Topkapi in Istanbul ein, der Harem, wo die diversen Söhne der diversen Haremsfrauen des Sultans in einem Raum (dem sprichwörtlichen "Goldenen Käfig") lebten, abgeschlossen von der Welt wie gefangene Raubtiere.Und wenn der Sultan starb, unerwartet starb, ohne seine Nachfolge geregelt zu haben, dann ging ein Hauen und Stechen los in diesem Gefängnis der edelsten Söhne: Da versuchten die Mütter eines möglichen Nachfolgers die anderen potentiellen Nachfolger auszuschalten - es herrschte, bis zur offiziellen Nachricht vom Tod des legitimen osmanischen Herrschers, Mord und Totschlag, eine Nacht der langen Messer, um Konkurrenten um die Ottomane auszustechen.Und das wortwörtlich.

Trägt dieser Vergleich mit der modernen Medizin, die tatsächlich Tote klinisch am Leben erhalten kann? Fällt einem nicht zu Recht die Geschichte vom langen Sterben Francos in Spanien ein, wo man sich im Schatten seines Todes auch die Erbschaft des Gaudillos zu sichern suchte? Oder die Geschichte des Cid, den man tot auf sein Schlachtroß band, um seine Feinde noch nach seinem Hinscheiden in Schrecken zu versetzen?

Mir kommt, bei der Geschichte vom realen und klinischen Tod, ein Grimmsches Märchen in den Sinn - das vom "Gevatter Tod".Da hat ein armer Mann ein Kind bekommen, das niemanden zum Paten, zum "Gevatter" bekommt, bis sich der Tod erbarmt.Er besorgt seinem Patenkind, als das erwachsen wird, eine glänzende Karriere: als Arzt.Der Tod nämlich zeigt dem Doktor, indem er eine Kerze zu Füßen oder zum Kopfende des Schwerkranken stellt, wie es um den bestellt ist.Steht die Kerze bei Fuß, muß der Patient sterben; steht sie am Kopfende, bleibt er am Leben.

Der Doktor, Ziehkind des Todes, sieht dies als einziger, und so wird er ein berühmter Arzt, durch seine hervorragenden Diagnosen.Einmal, bei einer schönen Prinzessin (die er liebt? Ich erinnere mich nicht genau) sieht er die Kerze am Fußende.Er erschrickt und verfällt auf einen Trick: Er dreht ihr Bett einfach um.Der Gevatter Tod warnt ihn: Noch einmal, und du bist selber dran.Und es kommt, wie es kommen muß, der Arzt trotzt noch einmal mit einem Trick dem Tod und muß selbst (an seiner Hybris) sterben.

Wenn die Geräte- und Maschinenmedizin den Tod auszutricksen und zu überlisten versucht, meist übrigens auf Kosten des Sterbenden, fällt mir dieses traurig kluge Märchen ein.Zum Beispiel bei Hussein, jetzt, der bis zum Sonntag tot war und doch nicht tot war.Man hatte einfach sein Bett umgedreht.Vergebens.

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