Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Zwei Bildsequenzen, zwei Fernsehauftritte Oskar Lafontaines wird man so schnell nicht aus dem Gedächtnis verlieren, wenn man an den Mann denkt, der soeben seine Staats- und Parteiämter wie einen Bettel hingeschmissen hat - so, als wäre ein politisches Mandat eine schnell brüchig gewordene Beziehungskiste: wo man seinen Koffer packt, den Schlüssel in den Briefkasten wirft, um dann sang- und klanglos abzuhauen."Zigaretten holen gehen" nannte man das in den Zeiten, als die midlife crisis angesagt und in Mode war.

Die erste Bildfolge entstand nach der Niedersachsenwahl, als Schröder mit seinem überwältigenden Sieg alle Barrieren einriß, die ihm sein Trend-Konkurrent, der (scheinbare) Macchiavellist Lafontaine, in den Weg gestellt hatte.Da trat Oskar nächtens mit einem Tablett voller Schnapsgläser aus seinem Saarbrücker Haus ins Freie, schwenkte lässig eine Schnapsflasche und setzte ein Pokerface auf, das gelassen wirken sollte, eher aber leicht mürrisch aussah.Es war dies eine Geste aus dem Film-Genre "Schwarze-Serie": Der Big Boss hat soeben erfahren, daß ihm sein bester Kumpel die Braut weggenommen hat; er spielt den fairen Verlierer und gibt zu verstehen: Morgen ist auch noch Tag!

Daß Morgen offenkundig kein Tag war, belegt die zweite Szene.Wieder ist das Saarbrücker Haus der Schauplatz.Tagelang haben hier die Journalisten ausgeharrt und auf eine Erklärung gewartet.Sie haben nix gesehen; einmal den Sohn Carl-Maurice, wie er die Zunge herausstreckte, "Bäh!"; einmal Ehefrau Müller, wie sie mit Tüten vom Einkaufen kam.Jetzt also erschien der Finanzminister a.D., Wolljacke, blaues Hemd, den kleinen Sohn mit dem blonden Pagenkopf auf den Schultern.Lafontaine lächelte, ein Bild privaten Friedens sollte entstehen, macht mal schön eure Fotos, stellt mir keine Fragen, ihr seht ja, ich bin hier privat! Zwar habe ich eben versucht, die Regierung zu zerdeppern, wie ein schmollendes Kind ein gemeinsam gebautes Lego-Haus, aber ihr seht nun, wie erleichtert ich bin.Ganz gelöst, ganz Papa! Schröder und Deutschland haben mich nicht mehr verdient!

Vielleicht hätte er es so gerne gehabt.An dem Bild stimmt jedoch so gut wie nichts.Das gelöste Lächeln war zu einem verlegenen Grinsen verrutscht, es war das Grinsen, mit dem sich jemand über eine peinliche Situation hinwegmogeln möchte: ein schlechter Verlierer, der ausgerastet war.Auch der Sohn, den er huckepack und wippend wie ein Demonstrationsobjekt herumschwenkte, er wirkte hier mißbraucht: als hätte sein Vater ihn als Helm und Schutzschild aufgesetzt gegen die böse feindliche Welt, als hielte er sich an dem Kleinen fest, um nicht zusammenzubrechen.

Die Szene mit den saloppen kurzen Bemerkungen (Macht schön eure Bilder! Und dann haut ab!) hatte etwas Gespenstisches, um nicht zu sagen: Irres.Beruhte doch die Neugier der Journalisten darauf, daß da nicht ein Privatmann seinen Job bei der Kreissparkasse dem unliebsamen Chef vor die Füße geschmissen hat.Sondern ein Politiker, bis eben noch der zweitwichtigste Mann im Staat, der einen Eid auf die Verfassung geschworen und dem das Volk ein Mandat erteilt hat.Schließlich bezahlen ihm die Steuerzahler, also wir, auch seinen frohen Lenz, den er vorgibt sich jetzt zu machen.Sein Grinsen aber verriet, mindestens unbewußt, ein schlechtes Gewissen.Wenn nicht, hätte Lafontaine in der Tat allen Verstand verloren.

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