Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Erinnern Sie sich noch an Oskar L.? Kaum? Also: Es war einmal ein mächtiger Parteiführer und allmächtiger Minister, der trat plötzlich zurück, aus unheiterem Himmel sozusagen.Er trat aus seiner Regierung aus, wegen schlechter Teamarbeit, er legte seine Parteiämter nieder, sämtliche, inklusive Vorsitz und Bundestagsmandat: "Macht euren Dreck alleine", dachte er.Und wahrscheinlich dachte er, "ihr werdet schon sehen, wo ihr ohne mich hinkommt!" Muß er gedacht haben.

Vorher hatte er zusammen mit seinem Erzrivalen und Konkurrenten ("Freund" nennt man das in der Politik, "Männerfreund") seiner Partei die Macht zurückerobert, und das nach langen entbehrungsreichen Jahren, wo er sich damit begnügen mußte, nur Ministerpräsident im winzigen Saarland und Parteivorsitzender in Opposition zu sein.Da er nicht selber Kanzler werden konnte, der Oskar L., weil sein Konkurrent Gerhard Schröder durch Volkes Stimme, also Gottes Stimme, zum Kanzlerkandidaten gekürt worden war, dachte er: es ist egal, wer unter mir Kanzler wird.

Und er spann sich ein Netz der Macht.Ein imponierendes Netz.Den Parteivorsitz behielt er und baute sich das Finanzministerium zum Superministerium aus, indem er dem Wirtschaftsministerium wichtige Stücke entriß.Und seinen ehemligen Konkurrenten in der ehemaligen Troika, Rudolf Scharping, drängte er aus der Fraktionsführung, brachial, soll der doch Verteidigungsminister werden, da schadet er nichts, ab ist er auf Tauchstadion.Und dann ließ er noch streuen, daß er, der Oskar L., eigentlich nach Brüssel könne, wenn er wolle, als EU-Kommissar, als Vorgesetzter Schröders gewissermaßen.Doch dann verließen ihn die Nerven, er warf das Handtuch, wahrscheinlich hoffte er insgeheim, daß die Wellen, die sein Rücktritt schlagen würde, seinen (damals) glücklosen Rivalen würden wegspülen, eventuell, so daß man wieder nach ihm, der das Herz am linken Fleck trug, also am rechten, rufen würde: Komm zurück!

Doch die Welt ist schlecht.Kaum war er zurückgetreten, da mußte auch die EU-Kommission zurücktreten.Und nicht nur, daß sein Rücktritt durch diesen Rücktritt spektakulär überschattet wurde, nein, schlimmer noch, er konnte jetzt, da der Weg zu Europas Spitze frei war, nicht kandidieren.Und am schlimmsten: sein Rivale Schröder konnte bei der Meisterung der EU-Krise glänzen - auch durch die prompte Nominierung des neuen EU-Kommissars.

Und dann brach der Kosovo-Krieg aus.Und sein Opfer Scharping, das er vermeintlich ins unwichtigste Ministerium abgeschoben hatte, wurde, neben dem Außenminister, zum wichtigsten Minister, ruhig, besonnen, standfest, klar - der richtige Mann am richtigen Platz.Jetzt hätte Oskar L., wie Rumpelstilzchen, vor Wut stampfend in den Boden fahren können, stelle ich mir vor.Und auch der Wirtschaftsminister glänzte, kaum daß der Finanzminister weg war.Und beim EU-Gipfel und in der Kosovo-Krise zeigte die Schröder-Regierung genau den Mannschaftsgeist (etwa im Zusammenspiel Fischer / Schröder / Scharping), den Oskar L.an ihr vermißt hatte.Armer Oskar L.! Es muß schrecklich sein, eine Lücke zu hinterlassen, die einer füllt.Und Oskar L.kann nicht mal sagen, es sei eben dumm gelaufen.Er ist dumm gelaufen.Weggelaufen.

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