Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

In den Fernsehnachrichten, die man sich stündlich holt, so als wollte man sich den (scheinbaren) quälenden Stillstand dieses Krieges vor Augen führen, wobei doch die immer gleichen Flüchtlingsbilder zeigen, daß der Kosovo von Tag zu Tag menschenverlassener wird, und die Bilder der von Raketeneinschlägen illuminierten Nächte signalisieren, daß die Städte Serbiens nach und nach in Schutt und Asche versinken - in der trostlosen Monotonie dieser Bilder sieht man ein zerbombtes Haus in Belgrad

Auf der Straße ein zerstörtes Auto, ein Geschoß hat die Wasserleitung getroffen, wie bei einem gewaltigen Rohrbruch schießen Wassermassen durch die Straßen, eine lehmige Flut, die über Trümmer wie Katarakte wütet.Aus einem Keller steigen Menschen, eine Frau, ein Mann, in Schlafanzügen, Bademänteln, die Augen aufgerissen, leer vor Angst.Gewiß, sie leben.Aber während man die Bilder sieht, im Wohnzimmer, wo das Maigrün druch die Scheiben flirrt, die Bücher Rücken an Rücken stehen, die gelben Tulpen in der breiten Vase, weiß man auf einmal mit einem jähen Erschrecken, daß diesen beiden Belgradern mit einem Schlag genau die Existenz vernichtet wurde, aus der der Fernsehzuschauer in Deutschland sie anstarrt: Bücher, Fotoalben, Töpfe, Teller, das Bild an der Wand, das sie sich zur Hochzeit geschenkt haben, die blaue Obstschale, der mühsam abbezahlte Teppich, Kleiderschränke, Marmeladengläser im Abstellraum - alles im Bruchteil einer Nacht vernichtet.

Man erschrickt fast zu Tode, was da in unser aller Namen und mit unser (zumindest schweigenden) Billigung geschieht.Denn das ist der Unterschied zu den Bildern von den Grenzen des Kosovo, wo wir uns zum Elend der Bilder noch die Hitze oder Kälte, den unerträglichen Gestank und die endlose Qual der Zeit hinzudenken müßten, daß die Bilder aus Belgrad Opfer zeigen, die wir zu Opfern gemacht haben.Die Kosovaren, die oft nur das nackte Leben gerettet haben, und das nach schier unsäglichen Demütigungen und Folterungen, sind die Opfer von Milosevic und seinem nationalistischen Größenwahn.An ihnen sind wir nicht schuld, an ihnen fühlen wir uns jedenfalls nicht schuldig.

Aber die zerfetzten Bus-Insassen neben einer Brücke in Südserbien, die Leichen neben einer Wohnsiedlung, die zufällig in der Nähe einer Kaserne stand, das ist unser Anteil am Krieg, das sind unsere Opfer.

Es mag auch sein, daß mir Menschen, die aus dem Keller eines Bürgerhauses kriechen, näher stehen, weil ihr Leben dem meinen näher ist als das von Bergbauern.Und es mag dazu kommen, daß sie mich an die Trümmer der deutschen Städte, an die Trümmer von Hamburg, Berlin, Dresden erinnern, aus denen unsere Großmütter, unsere Väter kletterten, wenn sie das Glück hatten, den nächtlichen Feuersturm zu überstehen.Aber das Entscheidende bleibt: Es sind die Opfer unserer Seite.

Das macht den Krieg gegen Milosevic nicht "ungerechter", aber er wird dennoch von Tag zu Tag unerträglicher.Es ist gut, daß die Bilder uns dieses Dilemma vor Augen führen, wenn wir wollen, Stunde für Stunde.

Weniger gut ist es, wenn ein Politiker, der an seinem cholerischen Ehrgeiz gescheitert ist, jetzt öffentlich so tut, als sei er in Vorausahnung solcher Szenen zurückgetreten.Wozu sich der Krieg am wenigsten eignet: als Vorwand für politisches Schmierentheater aus dem Saarland.

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