Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

hochgeschätzter Pen-Präsident, lieber Chef.In den letzten Wochen habe ich mein Ansehen, bzw.wurden ich, mein Ansehen und das Ansehen des deutschen Volkes (schreibt man das groß? Deutschen Volkes?) geschädigt.Pausenlos.Und das kam so: Während Tausende von Flüchtlingen aus dem Kosovo vertrieben wurden, lief im Fernsehen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder die LachsackNummer "Voll witzig!", ja die "Johannes B.Kerner"-Show.Zwar habe ich die Sendungen nicht gesehen, und das teilweise aus Selbstschutz.Aber habe ich bei den Sendern protestiert? Habe ich flammende Appelle gegen die "Wochenshow" gerichtet, gegen "Melodien für Millionen", also gegen Sendungen, die liefen, als in Belgrad Bomben fielen und sich Raketen auf Sofia respektive die chinesische Botschaft verirrten? Ich habe nicht! Ich schäme mich.Harald Schmidt habe ich sogar freiwillig gesehen!

Ohne Zwang! Aber es kommt noch schlimmer.Während mein Verteidigungsminister das deutsche Truppenkontigent für den Balkan erhöhen wollte, hätte ich, um ein Haar, Erdnüsse zur Spätausgabe der "Tagesschau" gegessen, wäre ich nicht auf diesem privaten, um nicht zu sagen: privatistischen Diät-Trip gewesen.Ich habe also nicht wegen des Balkans auf Kartoffel-Chips verzichtet, sondern aus a-politischer, a-moralischer Gedankenlosigkeit.Und - ich habe an manchen Tagen des Nato-Lufteinsatzes gegen den Rest Jugoslawiens sogar bunte Krawatten getragen.Und an einem Tag habe ich gelacht, als mir ein Freund einen Witz erzählt hat.Pflichtgemäß und mehr aus Höflichkeit, wie ich zu meiner Entschuldigung sagen darf, denn sooo lustig war der auch nicht.

Grund meiner Zerknirschung und Reue ist (Ach Gott!, ich war auch zweimal im Kino, einmal bei Woody Allens "Celebrity", ein Glück, daß der nicht komisch war!) Ihr Brief und ihre Aufforderung, mein Präsident!, die es mir wie Schuppen von den Augen...usw.Sie schreiben da, auch in meinem Namen: "Es ist dem Ansehen des Landes und jedes einzelnen Bürgers abträglich, wenn in Deutschland unmittelbar nach den fürchterlichen Nachrichten über die Kriegsgreuel und den Militäreinsatz die Sender jeden Tag die üblichen Unterhaltungssendungen ausstrahlen, als seien wir nicht in einem Krieg, als sei uns das fremde Leid, an dem wir nicht unschuldig sind, gleichgültig."

Ach wie recht Sie haben, dachte ich, wie recht! Wie oft war ich nicht ganz unschuldig und habe mir gleichzeitig jede blöde Unterhaltung aufhalsen lassen - von ZDF und ARD, den Dritten, von Sat 1, ja von Pro 7.Ich war schrecklich politisch und moralisch unkorrekt! Ein Wrack! Einmal habe ich sogar, als es wieder einmal bös zuging in der Welt, Hummer gegessen.

Sie fordern, lieber Herr Hein, sämtliche Unterhaltungssendungen für die Dauer des Militäreinsatzes im Kosovo aus dem Programm zu nehmen.Alle! Total! Toll! Eine großartige Idee.Der totale Krieg.Nicht mehr "Wetten daß!" und nicht, endlich!, nicht mehr "Musikantenstadl!"

Ich finde, sehr geehrter Präsident, ich finde das toll! Echt! Total! Absolut! Der deutsche Bierernst, die in der Welt so geliebte (und mit Recht gefürchtete) deutsche Gründlichkeit soll vor nix halt machen, nicht einmal vor einem Krieg.

Vielleicht könnte der Pen, der deutsche Pen, für die Kriegszeit Sack und Asche ausgeben (für eine Grundgebühr, die auch schon drin ist).Für Pen-Mitglieder zunächst.Dann für die Nation.Und für Frauen einen Schador.Das nur mal so als Anregung!

Ich hoffe, lieber Christoph Hein, daß Sie mit gutem Beispiel vorangehen.Und sich nach Ihrer eigenen moralischen Meßlatte richten.Also, keine Wackelpudding nach dem Spargel, so lang gekämpft wird! Und keine Zeile von Ihnen, die uns etwa zu unterhalten drohte.Dies wünscht uns und Ihnen Ihr

HELLMUTH KARASEK

PS: Es soll Menschen geben, jüngere vor allem, die in Kriegszeiten sogar miteinander schlafen.Ohne Ansehen des Vaterlands, ja manche sogar ohne Ansehen der Person.Und das nicht mal für den Frieden.

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