Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Ganz früher, im mit Recht so genannten klassischen Altertum, an das heute vor allem Marmorfiguren mit abgebrochenen Gliedmaßen, weggesplitterten Nasen und leeren Augäpfeln erinnern, ganz früher also bevölkerten den Äther über Griechenland und Rom antike Götter, die auf dem Olymp hausten und arbeitsteilig das Wohl, aber vor allem das Wehe der Menschheit bestimmten.Sie waren halb oder ganz göttlich (also nach heutigem Begriff entweder Ministern oder Staatssekretären gleich).Poseidon (Neptun) beispielsweise war für das Mittelmeer, inklusive Ägäis, zuständig und kraulte mit seinem Dreizack die Wogen.Ares, lateinisch auch martialisch Mars genannt, stiftete Unfrieden: Er war der himmlische Verteidigungsminister.Hera (Juno) kümmerte sich um Familie, Heim und Herd, Amor und Aphrodite war die Liebe, und Zeus, der überhaupt der Höchste war und lateinisch Jupiter hieß, kümmerte sich um alles und gar nix und stieg vor allem Frauen auf der Erde nach, wofür er weder Mühen noch Risiken scheute, ja sich sogar in Stiere, Schwäne, täuschend ähnliche Ehemänner verwandelte, um mit schönen, oft verheirateten Frauen Halbgötter zu zeugen.Daneben konnte er blitzen und donnern.Die klügste Göttin war eine Kopfgeburt; Pallas Athene, die sehr parteiisch für die Athener war, später, als römische Minerva, diente sie dazu, lateinischen Gymnasiasten das Griechisch beizubringen.So war das! Damals! Ein Gott allerdings fehlte in diesem polytheistischen Gewimmel.Es war der für das runde Leder und die Championsleague zuständige Fußballgott.Zwar gab es Hermes (lateinisch Merkur), der auf einer runden Kugel daherrollte und die Menschen zu lukrativen Transfer-Verträgen auf allen Sektoren animierte (auch feindliche Firmen-Übernahmen waren vorgesehen, statt des Telefons in Italien wurden die Sabinerinnen geraubt), aber diese runde Kugel war nicht schwarz-weiß segmentiert, also (noch) kein Fußball.

Der Fußballgott tauchte erst letzte Woche auf.Und zwar in "Bild".So grausam kann der Fußballgott sein, hieß es da.Und in der Tat, wenn die antiken Menschen in ihrer Toga und ihren Sandalen (später, in monotheistischen Zeiten "Jesus-Latschen" genannt) über den Neid der Götter jammerten und Lammkeulen opferten, so wissen die Bayern-Fans von Neid und den Launen der Götter, vor allem des Fußballgotts auf der runden Kugel, ein Lied zu singen.1:0 führten sie gegen Manchester United, und das lange, lange Zeit.Zweimal schossen sie, einmal sogar mit Fallrückzieher, gegen Pfosten und Latte! Und dann das! Minuten vor Schluß das 1:1, Sekunden vor Schluß das 1:2.Aus! Ende! Vorbei! Grausamer launischer Fußballgott!

Oder wollte er, wie seine antiken Brüder, die Hybris der Menschen, die Überheblichkeit und Selbstüberhebung der Bayern bestrafem? Besitzen die doch einen alternden Herkules, Lothar Matthäus, und tauschen den einfach kurz vor Schluß aus! Wenn das nicht den Zorn der Götter heraufbeschwört!

Inzwischen ist die Trauer über das grausame Walten des Fußballgottes in weiten Teilen der Bevölkerung außerhalb Münchens der Schadenfreude gewichen, doch da Berlins Hertha jetzt als möglicher ChampionsLeague-Teilhaber auch unter die Kompetenz des grausamen Fußballgotts fallen dürfte, sollten wir uns besinnen.Es gilt, den Zorn der Götter nicht herauszufordern.Denn Götter sind, wir wissen es seit letzter Woche wieder ganz genau, grausam.

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