Kultur : Die Montagsglosse von Hellmuth Karasek

HELLMUTH KARASEK

Am Ende seines neuen Buches, in der hundertsten Jahrhundertgeschichte aus dem Jahr 1999, läßt Günter Grass seine verstorbene Mutter wieder lebendig werden - mit gerührtem Wohlwollen blickt sie auf Leben und Werk des inzwischen über 70jährigen "Bengels", der für sie - so sind Mütter - immer noch der kleine "Dreikäsehoch" bleibt, der er einmal war.Wir alle kennen diesen Traum, wenn wir älter, reifer, erfolgreicher werden. Ach, hätte Opa noch erleben können, wie wir, obwohl wir doch als kleiner Steppke nicht rechnen konnten, Oberstudienrat für Mathematik geworden sind oder Obstgroßhändler, während er uns doch verbleut hat, wenn wir die Äpfel in Nachbars Garten mopsten. "Ach, wenn Papa das noch hätte erleben können!" seufzt mancher dann, wenn er die kluge und schöne Tochter des ärgsten Konkurrenten seines Vaters heiratet, wenn er eine Sechs im Lotto hat (und danach nicht verlottert) oder in einem schneidenden Leitartikel die Kulturpolitik der Regierung geißelt, wo doch sein Vater zu Lebzeiten mit einem Seufzen die "5 minus" unter dem Deutschaufsatz "Der Herbst - ein Stimmungsbild" unterschreiben mußte. "Ach, wenn Vati das noch erlebt hätte!" seufzt dann auch Mutti, die das noch erleben darf. "Und die süßen Enkel und all das! Und das Häuschen in der Toskana!"Der Mensch stellt sich, ist er in gerührter Grass-Stimmung, seine verschiedenen Verwandten gerne in sinnend sitzender Haltung im Himmel vor, wo sie wohlwollend auf ihn und sein segensreiches Tun herabblicken. Ein modisch kitschiger Ausdruck hat sich dafür den Wohnsitz "Wolke Sieben" ausgedacht, ein schäfchenwolkenartiges Luftkissen, von dem aus man noch teilhat, ohne eingreifen zu müssen.Schwerer wird es schon, sich die gleiche Wolke auszumalen, auf der die gütig lächelnde Oma sitzt, ihr Haar schlohweiß wie der kondensierte Wasserdampf, auf dem sie unsichtbar schwebt, wenn man gerade Konkurs gemacht hat, wenn einem die schöne kluge Ehefrau mit einem noch klügeren schönen Nachbarn durchgebrannt ist, wenn man sein Haus in der Toskana verkaufen muß. Dann, ja dann seufzt man: "Wie gut, daß das Oma nicht mehr erleben mußte!" Daß ihre hoffnungsfrohe Tochter den dicken Widerling geheiratet hat, der gerade wegen Steuerbetrugs hinter Gitter muß. Dann möchte man, daß sich "Wolke Sieben" spurlos vom Himmel verzieht, daß der Himmel leer ist, strahlend blau und kalt.Johann Nepomuk Nestroy, der große Komödienschreiber, der Aristophanes des österreichischen Vormärz und Wiener Biedermeier, hat einmal einen Monolog gegen das sogenannte ewige Leben geschrieben - den ihm die damalige Zensur prompt verboten und gestrichen hat. Er sagt darin, daß Gott nicht so ungerecht und gemein sein könnte, uns ein Leben nach dem Tod zu schenken. Denn dann müßten die Verstorbenen auf die Erde der Hinterbliebenen herabblicken und ohnmächtig zusehen, wie ihre Erben das hart Erarbeitete auf das Schnödeste verschleudern würden, wie die Witwen, kaum sei man unter der Erde (und also auf Wolke Sieben), sich dem nächsten Besten und nächsten Schlechtesten an den Hals würfen - nicht auszudenken! Der große Pessimist Nestroy meldete Bedenken an gegen den Optimismus der mobilen Industriegesellschaft, die da dachte und hoffte: "Unsere Kinder sollen es besser haben als wir!"Da nicht jeder oder besser: kaum einer in der glücklichen Lage von Günter Grass ist, der sich eine stolz gerührt und bewegt auf den großen Sohn herabblickende Mutter herbeiträumen kann, halten wir es lieber mit Nestroy: Weg mit Wolke Sieben!

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