Kultur : Die Moral und das Fressen

Christian Schröder

über neue Attacken auf Michael Moore

Moralisten sind privat auch bloß Menschen. Die schärfsten Theorien bestehen oft nicht den Praxistest im Alltag ihrer Schöpfer. JeanJacques Rousseau, der Gründervater der antiautoritären Pädagogik, griff bei der Erziehung seiner Kinder auf die Prügelstrafe zurück. Bert Brecht geißelte in seinen Lehrstücken zwar den Kapitalismus, mochte in seiner Freizeit aber nicht auf den Luxus von Edelzigarren und Sportwagen verzichten. Und der Arbeiterführer Oskar Lafontaine lässt sich im Privatjet zu Talkshows fliegen, in denen er dann die Raffgier der Nadelstreifennieten geißelt.

Jüngstes Beispiel: Michael Moore. Der Filmemacher und Bestsellerautor, der mit seinen Attacken auf George W. Bush und die Macht der Konzerne zum Helden der Globalisierungsgegner aufstieg, wird in den USA heftig attackiert. In seinem Buch „Do As I Say (Not As I Do)“ listet Peter Schweizer etliche Vorwürfe auf. Demnach besitzt Moore Aktien jener Firmen, die er öffentlich verteufelt, darunter des Energiekonzerns Halliburton und der Rüstungsschmiede General Electric. Der Kritiker des Waffenfetischismus lässt sich von bewaffneten Leibwächtern schützen. Er steigt im Londoner Ritz ab, mietet für Interviews aber Zimmer in Billighotels.

Ein typischer Fall von linker Bigotterie? Anteile der Firmen, deren Verflechtung mit der republikanischen Führung er aufdecken wollte, braucht Moore schon deshalb, um zu den Aktionärsversammlungen eingeladen zu werden. Dass er Bodyguards anheuert, kann man dem Lieblingsfeind der Waffennarren von der National Rifle Association kaum verübeln. Bleibt der Vorwurf vorgetäuscher Bescheidenheit. Linke sind keine besseren Menschen, das haben die letzten 200 Jahre Kulturgeschichte bewiesen. Interessanter als Moores Steuererklärungen zu studieren, ist es, seine Filme anzuschauen. In dem Band „Konsumrebellen“ weisen die kanadischen Autoren Joseph Heath und Andrew Potter nach, wie leger Moore in „Bowling for Columbine“ mit der Wahrheit umgeht. Er zeigt Szenen aus einer Schießanlage in Ontario, erwähnt aber nicht, dass die Schützen das Gebäude nicht mit Pistolen verlassen dürfen. Dass in Kanada strenge Waffengesetze herrschen, verschweigt Moore – weil es seine These von einer „Kultur der Angst“ in den USA torpedieren würde. Moralisten sollen ruhig Kaviar essen und Champagner schlürfen. Nur lügen dürfen sie nicht.

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