Kultur : Die Mühen der Ebbe

Aufräumen im Muldetal: Für den Umgang mit Denkmälern gibt es keine Patentrezepte

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Von Michael Zajonz

Am meisten irritiert dieser Gestank. Es riecht intensiv ölig, rußig und widerlich süß. Auch wenn der Gedanke an Krieg und Verwesung glücklicherweise in die Irre führt: Eigentlich sieht es hier kurz vor der geplanten Aufhebung des Katastrophenalarms und nach der Räumung gewaltiger Schlamm- und Schuttmassen genau so aus. Der sächsischen Stadt Grimma, laut Eigenwerbung bis vor anderthalb Wochen „die Perle des Muldetals“, droht mit dem Verlust etlicher Kulturdenkmäler ein materieller und ideeller Schaden von hier zu Lande ungewohnter Größe.

   Und auch das weckt Erinnerungen an Erzähltes: Die Grimmaer geben nicht auf. An mehreren Fassaden hängen Plakate, die den Dank an die Helfer mit dem Versprechen verbinden, am alten Zentrum festzuhalten. Auf dem noch immer eindrucksvollen Marktplatz gibt das Technische Hilfswerk Essen und Getränke aus. So belebt war es hier wohl lange nicht mehr. Wie zum Hohn trocknet die Sommersonne renovierte Fassaden, hinter deren eingedrückten Fenstern sich auflösende Altbauten erahnen lassen. Denn die Hinterzimmer des historischen Grimma sind aus Holz und Lehm gebaut. Ulrike Müller, Denkmalpflegerin beim Muldentalkreis, begleitet einen Bauhistoriker, der im Auftrag des sächsischen Landesamts für Denkmalpflege in den vergangenen Monaten ein Inventar aller Baudenkmäler – und denkmalswürdig ist nahezu das gesamte Stadtzentrum – erstellt hat. Die Liste sollte demnächst in Dresden vorliegen. Nun schaut Thomas Noack, was vom Wasser übrig blieb.

   Wettlauf mit der Zeit

Getroffen hat es nicht nur das Rathaus mit der imposanten Holzbalkendecke des 15. Jahrhunderts (die wohl zu retten ist) und die Steinbrücke des Zwinger-Baumeisters Pöppelmann, sondern auch die gegen Schimmelbefall schockgefrorenen Bestände des Stadtarchivs und die historische Museumsbibliothek. Sichtbar einsturzgefährdet sind derzeit rund 20 Bürgerhäuser. An einigen konnten die ausgebeulten Fassaden und die durch das Wasser bleischweren Geschossdecken schon mit Balken abgestützt werden.

Anschließend an die Prüfung der Standsicherheit sollten nach den Regeln der Zunft eigentlich auch restauratorische und bauhistorische Notdokumentationen erfolgen. Das gelingt momentan selten. Und schon klaffen auf einigen Parzellen neue Abrisslücken. Den Wettlauf mit der Zeit erschwert ein höchst diffiziler Interessenkonflikt.

Es mag ja durchaus paradox klingen, doch solche Katastrophen bieten Bauforschern die einmalige Gelegenheit, wertvolle Informationen über Nutzungsgeschichte und Bautechnik zu erlangen und damit auch ein Stück der Erinnerung eines Hauses zu bewahren, an die sonst buchstäblich niemand herankommt.

Solch akademische Gründlichkeit scheitert momentan nicht etwa an mangelnder Fachkompetenz vor Ort, sondern an allzu verständlichen Vorbehalten vieler Hauseigentümer, die meist auch Nutzer und somit unmittelbar Betroffene sind. Dagegen entfaltet auch in Grimma das schnelle Aufräumen seine therapeutische Wirkung. Im abbruchreifen Vorderhaus von Ines Urban, die ein weiteres Haus und ihre Arbeitsstelle verloren hat, soll die Denkmalpflegerin unvorbereitet über die Bergungswürdigkeit einer hölzernen Decke urteilen. Zum Glück kein komplizierter Fall – er kann unbürokratisch im Sinne der Besitzerin entschieden werden.

Einem echten Pflegefall begegnen wir im Stadtgut, wo ein Bagger bei Aufräumarbeiten in ein stattliches barockes Haus prallte. Mit dem Abriss der stadtbildprägenden Immobilie liebäugelt die Stadt schon länger, stand sie doch der Zufahrt zu einem Supermarkt im Wege. Nur dumm, dass im Ensemble von Wohn- und Wirtschaftsflügeln auch ein mittelalterlicher Wohnturm eingebaut ist, dessen Bedeutung nun die Totalbeseitigung verhindert. Es fällt – schmerzlich genug – lediglich das Vorderhaus.

Doch da Abrisse ihre eigene Dynamik entfalten, hat Ulrike Müller mit Rainer Helmrich zur Sicherheit einen kompetenten Aufpasser postiert. Der in der Altbausanierung tätige Bauingenieur aus Gera kam als freiwilliger Helfer und will zwei Wochen lang bleiben: „Wenn wir jetzt nichts tun, wird hier in Wildwestmanier abgerissen. Und ich werde künftig auf meine Referenzliste schreiben, das zweitälteste Gebäude Grimmas gerettet zu haben.“ Eine Honorierung wird es für Helmrich kaum geben, da die Stadtverwaltung Gutachteraufträge nur an ortsansässige Architekten vergeben will.

Spontane Hilfsbereitschaft begegnet dem Besucher überall. Etwa bei den beiden freiberuflichen Restauratoren, deren Dresdner Werkstatt nur knapp von der vorbeidonnernden Weißeritz verfehlt wurde. Sie reinigen nun die 20 barocken Gemälde aus Grimmaer Kirchenbesitz, sichern deren abblätternde Farbe, nachdem sie ein ortsansässiger Kollege geborgen und an einen sicheren und trockenen Ort gebracht hatte. Sie alle rechnen mit zwei Tagen unbezahlter Hilfe, dann werden sie sich wieder eigenen Aufträgen zuwenden, etwa im ebenfalls schwer geschädigten Pirna. Selbst die keineswegs unkritische Dresdnerin, die den Ortsunkundigen durch die noch passierbaren Schleichwege des Muldetals chauffiert, gesteht: „Ich habe meine Sachsen wieder schätzen gelernt. So viel Mut und ein ganz erstaunlicher schwarzer Humor.“

Der hilft nicht immer. Im Dörfchen Höfgen hatte sich in den vergangenen zwei Jahren mit der Wassermühle, der am Ufer vertäuten Schiffsmühle, der Wehrkirche und der Denkmalschmiede so etwas wie ein touristischer Mikrokosmos entwickelt. Der Fachwerkbau der Wassermühle ist seit einer Woche einsturzgefährdet, das seit April 2001 betriebene Museum, das bereits 12 000 Besucher anlockte, geschlossen.

Der reiche Bestand an Baudenkmälern verbindet sich mit der Schönheit der Natur zur Kulturlandschaft Muldetal. Erst gemeinsam bilden sie das größte Kapital der Region und sollten auch künftig voneinander nicht lassen. Doch der Demut von einst muss ein Ressourcenbewusstsein von heute antworten.

Augenfällig wird die traditionelle und funktionierende Symbiose von Natur und Kultur beim ehemaligen Zisterzienserkloster Buch. Die seit 500 Jahren landwirtschaftlich genutzte Anlage schützte die parallel zur Mulde geführte Klostermauer vor irreparablen Schäden. Die Mönche wussten noch, wie mit der Natur gebaut wird.

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