Kultur : Die Musik der Blätter

Das Berliner Jazzfest sucht den Sound der großen Städte. Eine Programmübersicht

Maxi Sickert

„Crossing the Bridge“, heißt Fatih Akins Film über die Musikstadt Istanbul. Der türkische Jazz kam darin nicht vor, auch wenn in Istanbul gerade eine Szene aufblüht, zu der viele junge Musiker mit den unterschiedlichsten musikalischen Ansätzen gehören. Wer etwas über türkischen Jazz erfahren will, sollte statt ins Kino zum Berliner Jazzfest gehen. Dort treten gleich vier türkische Formationen auf, vom Jazzgitarristen Erkan Ogur bis zur Free-Jazz-Band „Tamburada“ um den Saxofonisten Korhan Futaci und die aus der Elektronik-Szene stammende Sängerin Özlem Simsek. Die Berliner Festspiele haben sich in diesem Jahr einen Türkei-Schwerpunkt gesetzt, der Festspielintendant Joachim Sartorius hielt am Rande der Frankfurter Buchmesse die Friedenspreis-Laudatio für den in seiner türkischen Heimat von Verfolgung bedrohten Schriftsteller Orhan Pamuk. Unverhofft hat das Jazzfest, das am heutigen Mittwoch beginnt, einen gesellschaftspolitischen Bezug bekommen, den der Jazz lange nicht mehr hatte.

„Not In Our Name“: ein trotziger Ausruf, nicht einverstanden zu sein. Unter diesem Slogan steht der seltene Auftritt des „Liberation Music Orchestra“, das von dem grammygekrönten US-Bassisten Charlie Haden angeführt wird. Die Arrangements stammen von Carla Bley, die das Orchester auch dirigieren wird. Aufgeführt werden schon klassisch gewordene Stücke wie Pat Metheneys „This is not America“, Carla Bleys „Blue Anthem“ oder Ornette Colemans „Skies of America“. Der Protest richtet sich selbstverständlich gegen den Irakkrieg und die momentane amerikanische Regierung.

Zuletzt war die Kritik eher ungnädig mit dem Berliner Jazzfest umgegangen: Zu wenig Impulse gingen von dem Großereignis aus, das großzügig mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkgeldern und Bundesmitteln gefördert wird. Vermisst wurden Visionen. Zu keinem anderen deutschen Jazzfestival reisen so viele Medienvertreter an, nirgends zeichnen die Radiostationen so viel auf. Nun aber, 41 Jahre nach seiner Gründung, ist im Programm des Jazzfests erstmals wieder etwas vom Anspruch zu spüren, über eine rein lokale Ebene hinausdenken zu wollen. Im Programmheft wird natürlich auf die Hurrikan-Katastrophe von New Orleans hingewiesen, die Zerstörung der Stadt, die den Jazz hervorbrachte. Seltsam erscheint dann allerdings doch, dass kaum afro-amerikanische Jazzer und kein einziger Musiker aus New Orleans eingeladen wurden. Dennoch, es sind ganz neue Töne an einer Stelle, wo noch in den letzten Jahren dogmatische Enge herrschte, mit fragwürdigen Positionen wie der These, dass die amerikanische Jazzszene stagniere und neue Impulse nur noch in Europa zu finden seien.

Einmischungen, Expeditionen. Im Vorfeld des Festivals vergab das Jazzfest einen Kompositionsauftrag an eine New Yorker Band, zu der der Bassist Steve Piccolo, der japanische Sound-Art-Tüftler Gak Sato und – am Rande – der experimentelle Klangforscher und Gitarrist Elliott Sharp gehören. In dem von Piccolo und Sato entwickelten Projekt „The Expedition“ geht es um die Erforschung von Orten durch Klänge. Nachtgeräusche, Schritte, Türen, Blätter im Wind: Aus den verborgenen Klangspuren einer Stadt entstehen urbane Klangskulpturen. Was unterscheidet die Städte voneinander, klingen die Großstadtgeräusche in Berlin anders als in Mailand, wo auch schon eine „Expedition“ stattfand? Ist es die Sprache, der Rhythmus oder das spezifische Heulen einer Polizeisirene?

Piccolo, Sato und Sharp nehmen Geräusche auf und improvisieren dazu. Für Berlin haben sie die Komposition „Hidden Tracks“ entwickelt, dafür waren sie gemeinsam im Sommer mit Mikrofon und Aufnahmegerät in die Stadt gekommen. So entstand ein „Klang von Berlin“, ein Soundscape, oder mehr noch eine Soundmap, ein Stadtplan entlang der gesammelten Geräusche. Die Idee der elektronischen Manipulation von konkreten Geräuschen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, eine eigene Dynamik entwickeln, ist in der experimentellen Musik zwar kein neuer Ansatz, ein so großartiger Gitarrist wie Elliott Sharp vermag aber, ihr noch einmal neue Facetten abzugewinnen.

Die Stadt wird in Jazz getaucht, mit politischen, experimentellen und poetischen Projekten der unterschiedlichsten Musiker. Dass Jazz, wenn er gut ist, das Infragestellen gängiger Meinungen, eine Anregung zur Reflexion und eine Lebenshaltung ist, das beweist das Jazzfest in diesem Jahr mit grandiosen Musikern wie der Bigband-Leaderin Maria Schneider oder dem Trompeter Enrico Rava. Dem parallel stattfindenen Total Music Meeting ist es gelungen, nicht nur den lang erwarteten Trompeter Wadada Leo Smith, sondern auch noch einmal den Pianisten Cecil Taylor nach Berlin zu holen. Berlin wird für eine Woche zum Forum des Widerständigen, der unentdeckten Schönheit.

Das Jazzfest beginnt am Mittwoch mit dem Dokumentarfilm „MPDS – Jazzin’ The Black Forest“ im Delphi, 20 Uhr. Charlie Hadens „Liberation Music Orchestra“ spielt am Donnerstag ab 19 Uhr im Haus der Festspiele. Programm unter www.jazzfest-berlin.de und www.free-music-production.de/totalmusicmeeting2005.htm

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