Kultur : Die Musik der Freiheit

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Mr. Stoppard, erinnern Sie sich noch, wann Sie die Rolling Stones zum ersten Mal live gesehen haben?

Ja, das war in Wembley. Vor gar nicht allzu langer Zeit. Ich glaube, es war die „Urban Jungle“-Tour. Ich habe sie seitdem in mehreren Ländern gesehen. In Amerika, Tschechien. Auch in Köln. Ich mag die Stones. Und Pink Floyd auch.

Ihr Drama „Rock’n’Roll“, das teilweise in der Tschechoslowakei spielt und einen Bogen vom Prager Frühling zur Samtenen Revolution schlägt, endet mit einem Stones-Konzert in Prag 1990. Ein hoffnungsvoller Moment – trügerische Hoffnung?

Ursprünglich hatte ich im Sinn, das Stück bis 1997 fortzuführen. Es gibt eine berühmte Rede von Vaclav Havel, in der er ein kritisches moralisches Urteil darüber fällt, was aus der errungenen Freiheit geworden ist. Aber vieles von dem, was sich später ereignet, ist in „Rock’n’Roll“ auch so impliziert.

In dem Stück kommt auch eine tschechoslowakische Band namens „Plastic People of the Universe“ vor, deren Mitglieder in den 70ern verhaftet wurden, obwohl sie keine Dissidenten waren – aber waren es Revolutionäre in Ihren Augen?

Der künstlerische Leiter der Gruppe, Ivan Jirous, war eine hochpolitische Person. Sicherlich hat er die Band auch für sein Aufbegehren gegen die herrschende politische Kultur benutzt. Die Musiker – soweit ich das nachvollziehen kann – haben das nicht vollständig geteilt. Der Junge, der die Band gegründet hat, unmittelbar nach der Besetzung durch die Warschauer-Pakt-Truppen, war an nichts anderem als Musik interessiert. Er hat in einem Interview erzählt, es sei für ihn absolut irrelevant, dass russische Panzer durch die Stadt fahren. Er liebte Rock’n’Roll und wollte reich und berühmt werden.

Der Gründer der „Plastic People“, Milan Hlavsa, hat mal gesagt: „Rock’n’Roll war nicht bloß Musik für uns, sondern das Leben selbst.“

Großartiges Zitat. Wissen Sie eigentlich, was sich in der Prager Produktion des Stücks ereignet hat? Das muss ich Ihnen erzählen. Sie wissen ja, wie das Stück endet: Die Stones spielen, Schluss. Nicht so in Prag. Dort wurde die Bühne in genau diesem Moment einige Meter hochgefahren – und darunter waren die „Plastic People of the Universe“ und spielten live. Das Publikum ist durchgedreht!

Die Proteste gegen die Verhaftungen der „Plastics“ führten, unter anderem, zur Charta 77 – glauben Sie an die revolutionäre Kraft der Kunst?

Das Wort Kraft lässt mich zögern. Sicherlich glaube ich an die revolutionäre Relevanz und Bedeutung der Kunst, aber Kraft unterstellt ja das Vermögen, eine Gesellschaft umzuwälzen – und ich glaube nicht, dass das die Rolle der Kunst ist. Man kann die Kunst von vielen anderen gesellschaftlichen Aspekten auch nicht trennen. Die Freiheit der Kunst ist das Symptom einer freien Gesellschaft. Künstler sind immer auf der Seite der Revolution – oh, wie pompös ich klinge! Ich war nie Teil einer Revolution, ich habe ein bezauberndes Leben!

Ihre Freunde Vaclav Havel und Mick Jagger sind beide zur Uraufführung in London erschienen – wer hat enthusiastischer reagiert, der Rockstar oder der Staatsmann, der ja auch einmal ein Theatermann war?

Die Antwort muss wohl Havel lauten. Weil es ihm so viel mehr bedeutete, er hat all diese Ereignisse durchlebt. Ich kenne beide schon lange, und obwohl ich sie nicht gefragt habe, glaube ich, sie waren recht bewegt. Es passiert ja nicht sehr oft, dass man sich ein Stück anschaut und selbst darin vorkommt.

Syd Barrett, der verrückt-geniale Pink-Floyd-Mitbegründer, war aber nicht im Publikum?

Nein. Vermutlich wusste er nichts von dem Stück, er war niemand, der die Zeitungen las, er hat sehr abgeschieden in Cambridge gelebt. Und er starb kurz nach der Premiere.

In „Rock’n’Roll“ tritt Barrett als eine Art Wiedergänger des griechischen Gottes Pan auf. Wie sind Sie denn auf diese erstaunliche Idee gekommen?

Shit genius! (lacht schallend). Kennen Sie den Dichter Philip Larkin? Er wurde einmal gefragt, wie er auf das Bild einer Kröte als Symbol für Arbeit gekommen sei, und er antwortete: Shit genius, verfluchtes Genie. Ich konnte nicht widerstehen, ihn zu zitieren!

Sie wurden als TomᚠStraussler in der Tschechoslowakei geboren und mussten vor den Nazis fliehen. Ist Ihr Stück autobiografisch gefärbt?

Ursprünglich sollte es eine Art parallele Autobiografie werden, darüber, wie mein Leben hätte verlaufen können, wenn ich nach dem Krieg in die Tschechoslowakei zurückgekehrt wäre. Stattdessen kam mein Vater in Fernost ums Leben, meine Mutter heiratete Mr. Stoppard, meinen Stiefvater, und ich verwandelte mich in einen kleinen englischen Jungen. Ich habe aber lediglich einige Kindheitserinnerungen für das Stück verwendet, etwa, wie meine Mutter backt, aber es ist nicht wirklich autobiografisch.

Denken Sie mit nostalgischen Gefühlen an Ihre Kindheit?

Sie dürfen nicht vergessen: Meine Kindheitsnostalgie betrifft nicht die Tschechoslowakei, sondern Indien, wo ich im Alter von vier bis acht gelebt habe. An die Tschechoslowakei erinnere ich mich nicht. Ich habe viel von Indien geträumt, in meinen Vierzigern kehrte ich dann dorthin zurück – und habe aufgehört zu träumen (lacht).

Ich habe gelesen, dass Ihr Stiefvater Sie immer daran erinnert haben soll, dass Sie es ihm verdanken, britisch zu sein.

Das habe ich in einem Artikel für eine befreundete Herausgeberin geschrieben, der das Persönlichste wurde, was ich je verfasst habe. Ich bin dafür tief in meine Vergangenheit gereist, auch in meine Geburtsstadt Zlín. Mein leiblicher Vater war dort Arzt in einem Werkskrankenhaus der Bata-Schuhfabrik, ich habe die hundertjährige Witwe des ehemaligen Chefarztes getroffen. Deren Tochter, die ungefähr 75 war, hatte eine Narbe an der Hand, eine Verletzung aus Kindertagen, die mein Vater genäht hatte. Sie fragte immer nach Doktor Straussler, er war beliebt bei Kindern. Diese kleine Narbe ist die letzte Spur, die ich von meinem Vater habe.

Stimmt es, dass Ihr Stiefvater nach dem Tod Ihrer Mutter seinen Nachnamen zurückgefordert hat?

Sehen Sie, ich spreche darüber nicht gern in der Öffentlichkeit. Ich werfe meinem Stiefvater nichts vor, er war ein seltsamer Mann in mancher Hinsicht. Er hielt nicht viel von Juden. Schwarzen. Iren (lacht). Es stimmt, er wollte, dass ich seinen Namen nicht mehr benutze. Ich antwortete, das sei nicht praktikabel.

In den Sechzigern hatten Sie ein Stipendium vom Literarischen Colloquium und lebten in Berlin. Wie haben Sie die geteilte Stadt erlebt?

Überhaupt nicht. Ich lebte in diesem komfortablen Haus am Wannsee und bekam drei Mahlzeiten am Tag. Einmal habe ich mit einem befreundeten Schriftsteller einen Ausritt unternommen, und unversehens tauchte im Wald die Mauer auf. Das war’s. Ich bin auch ins Berliner Ensemble gefahren, um mir die „Dreigroschenoper“ anzusehen, aber ich war zu jung und zu dumm, um wirklich etwas von den Verhältnissen mitzubekommen.

Stimmt es, dass eine frühe Fassung Ihres Welterfolgs „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ in Berlin entstanden ist?

Es stimmt beinahe. Am Ende des Semesters in diesem Colloquium haben wir alle ein kleines Stück geschrieben und aufgeführt. Meines war ein Sketch darüber, was Rosenkranz und Güldenstern passiert, nachdem sie in England angekommen sind. Und ich hoffe inständig, dass dieser Sketch vollständig vernichtet ist. Ich habe schreckliche Angst, dass er eines Tages auftauchen könnte wie die Papyrusrollen auf den Abfallhügeln von Oxyrhynchos in Ägypten. Eine Idee des Sketches war, dass der König, dem die beiden in England begegnen, King Lear ist. Glücklicherweise habe ich das später nicht verwendet.

Sie haben einen Oscar für „Shakespeare in Love“ gewonnen, sind zum Ritter geschlagen worden – fehlt noch was zum Glück?

Ich habe mehr bekommen, als ich je erwarten durfte. Aber ohne respektlos erscheinen zu wollen – mein Grundgefühl bei jeder dieser Ehrungen war: Die Inflation hat eingesetzt. Als ich ein junger Mann war, gab es drei Ritter im britischen Theater: Olivier, Gielgud, Richardson. Ich werde in diesem Jahr 70, heute könnte man vielleicht darüber nachdenken, mich zum Ritter zu schlagen, aber es ist ja eben schon vor über zehn Jahren passiert.

„Das Verlangen nach Anerkennung, Erfolg, und Preisen ist der Keim der Zerstörung selbst für den stärksten Künstler“ – hat Ivan Jirous gesagt.

Es gibt viel zu viele Preise. Dem Theater bekommt das schlecht. Als einmal zwei Darsteller aus einem meiner Stücke in Amerika nicht für den Tony-Award nominiert waren, herrschte eine Stimmung, als sei jemand gestorben. Unfassbar. Ich sage Ihnen etwas über Preise: Sie existieren, um den zu ehren, der sie vergibt.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

Shakespeare spielt in der Karriere des britischen Dramatikers Tom Stoppard eine entscheidende Rolle: Mit seiner Hamlet-Travestie

„Rosenkranz und Güldenstern sind tot“
(1966) errang Stoppard Weltruhm. Und für das Drehbuch zu „Shakespeare in Love“ (1998) wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet.

Sir Tom wurde am

3. Juli 1937 als

Tomas Straussler
in der Tschechoslowakei geboren. Er floh 1939 mit seiner Familie vor den Deutschen und wuchs in Indien auf. Seine Stücke („Jumpers“,„The Real Thing“, „Hapgood“, „The Coast of Utopia“) drehen sich häufig um philosophische Fragen und um das Schicksal politischer Utopien.

Sein jüngstes Stück „Rock’n’Roll“ wurde letztes Jahr in London uraufgeführt. Am

13. Mai
kommt es im

Renaissance Theater Berlin zur deutschsprachigen Erstaufführung.

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