Kultur : Die Musik des Zufalls

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Von Stephanie Nannen

Dass Leonardo da Vinci Künstlern empfahl, die Deutung nasser Flecken an Wänden zur Schulung ihrer Phantasie zu nutzen, liegt fünfhundert Jahre zurück. Dass der Maler Protogenes ärgerlich einen Schwamm nach dem Bild warf, auf dem es ihm nicht gelungen war, den Schaum vor dem Munde eines keuchenden Hundes darzustellen und dass der Schwamm dann den gewünschten Effekt schuf, ist noch länger her. Und doch hat sich das Arbeiten mit dem Zufall bis heute bewährt – zumindest in der Kunst.

Klaus Winichner, Berta Fischer und Anselm Reyle lassen den Zufall auch im 21. Jahrhundert schaffen und wirken. Zwar folgt die Ausstellung der drei jungen Künstler im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) nicht der Intention, den Zufall in der zeitgenössischen Kunst zu thematisieren. Doch ist eben dieses Zufallsmoment den sehr unterschiedlichen Arbeiten gemein, die die Kuratorin Klara Wallner unter dem Titel „Der Zauber des Verlangens“ in Dialog gesetzt hat. Unter dem Titel „Ortsbegehung“ lädt der NBK jährlich einen Gastkuratoren ein, drei aufstrebende, in Berlin lebende Künstler auszuwählen, die in verschiedenen Medien arbeiten. Zum achten Mal werden auf der Ausstellungsfläche an der Chausseestraße neue Positionen zeitgenössischer Kunst gezeigt.

Klaus Winichners raumgreifende Plastiken entstehen aus Bauschaum, Gips und anderen Materialien und Gegenständen der Alltagswelt. So verbinden sich in Farbe und Muster eher scheußliche Badezimmerkacheln mit Plastikblumen, Büchern und scheinbar achtlos Weggeworfenem wie einer zerdrückten Plastikflasche oder einer Eisverpackung. Winichner folgt hier der tradierten Idee, niedere Materialien in den Kunstkontext zu überführen und sie damit aufzuwerten. Kunst und Alltag werden eins. Der Bauschaum gestaltet die Form, lässt die Einzelteile Skulptur werden – mit teils menschlichen, teils architektonisch anmutenden Zügen. Dabei unterwirft sich Winichner für Momente den Eigenschaften des extrem schnell erhärtenden Materials. Wülste, Blasen und Krater überraschen in immer neuen, nicht im Voraus planbaren Formen. Neben der Fantasie des Künstlers ist der Zufall am Werk, ein zweiter Schöpfer.

Berta Fischer entführt den Besucher des NBK in eine zauberhafte Welt des Tanzes, der Feen und der Elfen. Das gelingt ihr mit einer simplen, transparenten, meterlangen Plastikplane, die von Malern zum Schutz vor Farbklecksen verwandt wird. Die hat Fischer an einen an der Decke befestigten Motor gehängt. Vom Motor angetrieben, beginnt die Folie durch den Raum zu schweben, zu tanzen, zu fliegen. Das fließende Rauschen, das durch die Bewegung entsteht, untermalt den Tanz als leise Musik und verstärkt die mystische Atmosphäre. Es geht um Zeitlosigkeit und die Vergänglichkeit des Augenblicks, der Raum wird für den Betrachter von Fischers titellosem Werk zur Bühne. Auch hier ist der Zufall künstlerischer Gestalter, denn die Folie nimmt stets neue, nicht genau steuer- und vorhersehbare Formen an.

Anselm Reyles Installationen verkörpern eine Metamorphose von Fundstücken, die der Künstler aufspürt und dann in den Kunstraum überträgt. Mit Vorliebe widmet er sich alten Wandverkleidungen, Holzpaneelen, Lampen und ähnlichen Relikten gelebten Lebens. Im NBK präsentiert er ein Wandbild, das aus hellblauen Wellblech-Platten besteht, die ehemals eine Außenwand des Elektromotorenwerks Wernigerode vor der Witterung schützen sollte. Reyle hat diese Verkleidung abgeschraubt, sie nicht behandelt, gesäubert oder verändert und die einzelnen Teile dann – allerdings in anderer Reihenfolge – in der Ausstellung zusammengesetzt. Wichtig sind ihm die Spuren, die Sonne, Wind, Regen und Schmutz hinterlassen haben – Spuren der Zeit, die er nicht beeinflussen kann und deren Zufälligkeit er als eigenständigen Wesenszug seines Werkes herausstellt. Mit der neuen Anordnung der verschieden stark ausgeblichenen Platten gelingt ihm die Verwandlung des Alltagsmülls, es entstehen eigentümliche Muster, die auf die Malerei verweisen.

Fragt man Klara Wallner, warum sie ausgerechnet diese drei Künstler ausgewählt hat, so lässt die Antwort vermuten, dass die Willkür doch eine größere thematische Bedeutung hat, als die Kuratorin es eingestehen will. „Ich weiß es nicht genau“, sagt Wallner. „Ich habe mir viele Arbeiten von noch mehr Künstlern angesehen. Häufig war ich begeistert. Fischer, Reyle und Winichner sind am Ende für mich übrig geblieben.“ Etwa ein Zufall?

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Berlin-Mitte, bis 11. August, Di - Fr 12 - 18, Sa - So 12 - 16 Uhr.

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