Kultur : Die Musik neu erfinden - In der Berliner Staatsoper

Volker Straebel

Dieser Abend sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die derzeit dem Sozialistischen Realismus mit kapitalistischem Vorzeichen frönen und von der neuen Musik sangliche Eingängigkeit, publikumsgerechte Emotion und am Besten noch musiktheatralische Bebilderung fordern: Die Festtage der Berliner Staatsoper hatten Pierre Boulez ein verspätetes Festkonzert zu seinem 75. Geburtstag ausgerichtet, an dessen Ende der Saal den Komponisten und die Interpreten des - vordergründig inkonsumerablen - zweiten Bandes der "Structures" für zwei Klaviere (1961) begeistert feierte.

Keine Berührungsängste also mit einem Schlüsselwerk der späten seriellen Musik, in dem die Pianisten Pierre-Laurent Aimard und Florent Boffard nicht nur mit stupender Virtuosität im rhythmisch vertrackten Skalenspiel überzeugten. Gerade die lyrischen Passagen, etwa den sanften una corda Beginn des zweiten Satzes, gestalteten sie mit klanglichem Raffinement und das Insistieren auf engen Lagen und einzelnen Tonorten interpretierten sie als das, wozu es kompositorisch dient: als Anregung von Resonanzklängen im jeweils anderen Flügel, nicht als weberneske Qualität des Tonsatzes.

Diese Ambivalenz von Ton und Klang, die Boulez im gleichen Jahr wie Stockhausen in seinem Klavierstück X formulierte, schlug in späteren Werken um zur Bevorzugung einer impressionistisch schillernden Klanglichkeit, die organisch wuchernden Formen folgt. "Mémoriale" (1985) ist solch eine Ausarbeitung von "...explosante-fixe..." (1971), in der sacht tremolierende Streicher und zwei Hörner stets con sordino den in Flatterzunge oszillierenden Aggregaten einer Solo-Flöte (Claudia Stein) sekundieren.

Für die Kammerstücke "Dérive 1 und 2" von 1984 und 1988 nahmen Mitglieder des Chicago Symphony Orchestra die Plätze ihrer an diesem Abend überzeugenderen Kollegen von der Staatskapelle ein und folgten Boulez in eilenden Floskeln wechselnder Dichtegerade durch die mechanisch abschnurrende Partitur. Die nachgestellte Nummer eins verbindet in ruhigerer Anlage imitatorische Stimmführung mit den von Boulez immer wieder bevorzugten Formelementen: mit sich aus Tremoli herausschälenden Liegetönen und nach langsamem Aufbau abrupt abbrechenden crescendi.

Mit den "Douze Notation" beleuchtete Florent Boffard sehr individuell und in einigen Details streitbar, Pierre-Laurent Aimard mit der ersten Sonate zunächst ungewöhnlich kontrastarm, dann aber brillant und artikulatorisch geschärft das frühe Klavierwerk von 1945 und 1946. Der Bruch, den Boulez mit der ihm unmöglich gewordenen "Unterhaltungsgesellschaft" vollzog, ist nicht deutlicher nachzuerleben. Mit dem zerklüfteten Zeitfluss der Klaviersonate, dem chromatischen Ausfüllen ihrer Intervalle, der zerrissenen Dynamik wurde die Musik nach dem Zweiten Weltkrieg neu erfunden.

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