Kultur : Die Musiker helfen sich untereinander. Aber wer hilft dem Publikum? (Glosse)

Frederik Hanssen

Da war es wieder, das schöne alte Wort: Solidarität. "Die Mitglieder anderer Orchester zeigen ihre Solidarität, indem sie darauf verzichten, sich dem Orchester der Deutschen Oper in Berlin als Aushilfe zur Verfügung zu stellen." So steht es in dem Brief der Orchestergewerkschaft, der in allen Opernhäusern des deutschsprachigen Raums aushängt. Nicht als Aufruf zum Boykott, zur Lahmlegung der Deutschen Oper gar, ist dieses Schreiben gemeint, sondern lediglich als "Mitteilung". Wer etwas anderes behauptet, wer vermutet, hinter dem Opernchaos in Berlin steckten die knallharten Lobbyisten, erhält postwendend wütende Faxe von der Deutschen Orchestervereinigung. Weil den Musikern der heillos verschuldeten Deutschen Oper eine Zulage gekürzt werden soll, solidarisieren sich Kollegen landauf, landab mit den Berlinern. Das heißt, eigentlich solidarisieren sie sich vor allem mit sich selber. Denn eines ist allen staatlich angestellten Musikern klar: Fällt erst an der Deutschen Oper die sogenannte Medienpauschale - eine in den fetten 80er Jahren erfundene verdeckte Gehaltserhöhung -, dann sind auch bald die Medienzulagen der anderen Spitzenensembles dran. Im Orchestergraben der Bismarckstraße nimmt man diese eigennützige Solidarität gerne hin - denn man hat ja auch so seine Selbstsolidaritätsgedanken: Sinkt das eigene Gehalt, wird es für den Spitzennachwuchs unattraktiver, in der Deutschen Oper zu spielen. Also beginnt ohne Solidaritätszuschlag das Niveau zu wackeln und die ruhige Zukunft auch.

Dass es allerdings noch eine andere Form von Solidarität gibt, scheint den Künstlern und ihren Vertretern vor lauter Sorge um das eigene Wohlergehen entfallen zu sein. Die Solidarität mit denjenigen nämlich, die aus Liebe zur Oper die Gehälter der Musiker bezahlen. Mit dem Publikum.

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