Kultur : Die Nacht der Gefühle

Im Kino: „Erste Ehe“ – ein Psychodrama von Isabelle Stever

Kerstin Decker

Die Idee ist schön: die Geschichte eines Abends, einer Nacht und eines sehr frühen Morgens. An einem einzigen Ort, in Dorits Wohnung. Warum ganze Jahre bemühen und immer neue Schauplätze, wenn sich in einer einzigen Nacht in einer einzigen Wohnung viel mehr ereignet?

Es ist eine Hochzeitparty. Dorit, 25, heiratet Alex, 30. Sie ist die Stärkere. Sie weiß, was sie will. Die Vorgeschichte der Party liegt im Dunkeln. Ganz im Dunkeln; nur mit Alex und Dorits Stimme vor schwarzer Leinwand fängt alles an. Typischer Wie-sehr-liebst-dumich-eigentlich-Dialog. Man sagt die Urheberschaft dieser Kommunikationsform Frauen nach. Irgendwann ist Dorit bei der Frage: „Würdest du mich auch dann noch lieben, wenn ich keine Arme und Beine mehr hätte?“ Und Alex sagt etwas Ausweichend-Bejahendes, Nein! kann er schließlich nicht sagen. Nun wäre es vielleicht besser, Menschen, die solche Fragen stellen, das Heiraten zu verbieten. Und erst recht all jenen, die ihren Ehewillen wie Dorit begründen: „Ich finde das toll, es macht alles viel intensiver.“

Tatsächlich haben beide etwas durchdringend Pubertäres. Und da wird es schwierig, denn die Geschichte dieser Hochzeitsnacht ist die der Selbstzerstörung zweier Menschen auf offener Bühne – vor den Gästen. Auch eine „Ausweitung der Kampfzone“. Denn niemand könnte weniger zusammenpassen als Dorit und Alex. Was sie zueinander trieb und nicht loslassen lässt, muss also Leidenschaft sein, eine dunkle Verfallenheit, die sich bei Tageslicht, vor den Augen Dritter, verflüchtigt. Aber genau diese Leidenschaft glaubt man den beiden nicht. Dabei prägen sich auf Maria Simons jungem, neu entdecktem Gesicht alle Abdrücke einer Nacht ein, alle Verzweiflungen. Nur die Ur-Faszination für diesen Alex (Nils Nelleßen) nicht. Alex, der Junge, der nicht halb so beredt ist wie sie und der bei der geringsten Überforderung sich in den verbalen Unflat rettet. Nun gut, es gibt dieses Helfersyndrom bei Frauen, nur ist Hilfsbedürftigkeit das Gegenteil von Faszination.

Damit hat dieser nachtstrudelnde Film es schwer, uns mit hinunterzuziehen. Wozu er unzweifelhaft Talent hätte. Regisseurin Isabelle Stever zeigt eine Titanic-Nacht. Die Bordkapelle spielt immer wieder in dieser Berliner Altbauwohnung – jeder weiß, dass der Dampfer längst sinkt. Und immer wieder die langen Blicke über die Reling der Nacht in die eigenen Abgründe. In Dorits Abgründe. Wenn man nicht immer denken würde: Aber warum, wegen dem?

„Erste Ehe“ ist Isabelle Stevers erster Langfilm, es ist ihre Idee, ihr Buch, ihre Regie. Er lief auf dem Max-Ophüls-Filmfest in Saarbrücken und gewann den „First Steps Award“. Vielleicht hat sie ja Recht: Wer versteht schon, warum andere Menschen andere Menschen heiraten? Ausgerechnet die? Ausgerechnet den?

Kino in der Kulturbrauerei

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