Kultur : Die Nacht ist eine Himbeere

Im Metapherndickicht: der Kroate Marko Pogacar und seine Gedichte

Nico Bleutge

In Marko Pogacars Gedichten sind die überkommenen Kategorien außer Kraft gesetzt. Es ist eine Welt, in der die Zeichen frei flottieren. Der Alltag wird über unterschiedliche Sprachsplitter und Redewendungen in die Verse geschleust, die „Seele“ taucht hier ebenso auf wie eine „Vogelscheuche“, Klaus Kinski steht neben mythologischen Gestalten wie Chronos oder Gedanken zu politischen Verwerfungen. „Überall / freie Vokale, Handflächen, Unkraut und vieles mehr“, heißt es einmal: ein Feld aus zufälligen Verbindungen, in dem alle Teilchen gleichwertig sind.

Doch Pogacar konstatiert diese Gleichwertigkeit nicht nur, sondern bewertet sie auch, sei es über den mal ironischen, mal zynischen Grundton seiner Verse, sei es über den melancholisch angehauchten Rückgriff auf Reservoirs der Kindheit. So entgeht er der Gefahr, nur eine weitere Variante des postmodernen Möglichkeitssinns zu entfalten.

Vielmehr liegt diesem Schreiben die Überzeugung zugrunde, dass es keine Vorhersehbarkeit gibt. Pogacar schätzt das Unkalkulierbare als ästhetischen Wert, aber auch als einen Wesenszug dessen, was man gemeinhin die „Wirklichkeit“ nennt. Dem Schreibenden bleibt nur die Hoffnung, das täglich neu zusammengesetzte Gefüge der Welt mit dem ebenso instabilen Gewebe seiner Verse einzuholen: „Es gibt kein Lied. kein Bedürfnis. nur das Netz: // eine Enklave aus Schlingen und Knoten, ein gut behüteter Bimsstein“.

Ähnlich verschlungen wie die Lyrik ist Markos Pogacars Lebensweg. Reisen und wechselnde Wohnorte, Studien und Festivals, Übersetzungen, Essays und die Herausgabe einer Literaturzeitschrift finden sich hier. Trotzdem hat der 1984 geborene Autor Zeit für die Arbeit an eigenen Gedichten. Gut möglich, dass ihm dabei die amerikanischen Beatpoeten, aber auch John Ashbery oder Tomaz Salamun über die Schulter blicken. Von Letzterem hat er die Leidenschaft für eine überbordende Metaphorik geerbt, auch die Suche nach Verknüpfungen, die jenseits der überkommenen Vorstellungen von Kausalität liegen.

Die Form seiner Gedichte hat Pogacar den gedanklichen Sprüngen angepasst. Es sind freie Verse, die tatsächlich wie Schlingen über die Seiten gelegt sind, hier einen Knoten aufweisen, dort ein loses Ende. Von romantischem Vokabular oder Einfühlungsgesten hält Pogacar wenig. Was ihm vorschwebt, ist vielmehr eine Sprache, die voller Risse ist, die sich selbst entzündet und brennt, wie ein „Grillrost, wildes Präsens und Perfekt“. Wenn es ihm gelingt, mit seiner im Wortsinne verrückten Logik die Brüche und Widersprüche in den Diskursen einzufangen, wissen seine Bildfindungen zu überzeugen.

Nicht selten allerdings gerät Pogacar die Metaphernmaschine außer Kontrolle, immer noch eine Schlinge mehr legt er aus, immer noch einmal weiter dreht er die Spirale: „Der Wald ist ein Teppich, klebrig, und leuchtet. // die Nacht ist eine Himbeere. das tiefe, sehr tiefe Meer. / auf seinem gewaltigen Grund hat jemand eine Würstchenbude / eröffnet. und nun fällt dieser ganze August wie eine große / Brotschnitte von irgendwo herunter“. Am Ende passen die Bildbereiche nicht mehr recht zusammen, und der Leser wird von der „großen Brotschnitte“ der Vergleiche fast erschlagen.

Auch tritt in vielen Gedichten ein allzu deutlich spürbares lyrisches Ich auf, das manchmal weinerlich, dann wieder selbstverliebt daherkommt. Diese Pointiertheit indes läuft nicht nur irgendwann leer, sie will auch nicht recht passen zu jener Fragilität des Ichs, die auf der motivischen Ebene behauptet wird. Alida Bremer hat in ihren Übersetzungen der „geordneten Unordnung“ von Pogacars Versen sehr genau nachgespürt. Am Ende kann aber auch der schöne Klang der deutschen Verse nicht verhindern, dass es dem Leser ergeht wie dem Sprechenden: „Entlang der Klinge der Sprache gleitest du ins lange Nichts.“

Marko Pogacar:

An die verlorenen

Hälften. Gedichte.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer.

Edition Korrespondenzen, Wien 2010.

167 Seiten, 16 €.

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