Kultur : Die Nachtseite der Stadt

Peter Herbstreuth

Vor einigen Jahren hat Brian Eno im Stedelijk-Museum Amsterdam einen vollkommen dunklen Raum eingerichtet und mit Ambient-Musik beschallt. Der stockfinstere Raum wurde schnell zum Treffpunkt für die Angestellten der umliegenden Büros. Sie brachten mittags ihre Luchpakate mit und verzehrten sie in völliger Finsternis bei entspannender Musik. Offenbar war es Eno gelungen, den Reiz des Dunklen in den Tag hinein als Ruheraum zu verlegen. Vera Lutter hat daraus ihren Arbeitsplatz gemacht. Sie arbeitet im Innern der Kamera. Und es könnte sein, dass die 1960 im Saarland geborene und in New York lebende Künstlerin dabei das Ei des Kolumbus gefunden und den über zweitausendjährigen Disput zwischen Malerei und Zeichnung im Medium Lichtbild in dunklem Glanz versöhnt hat.

Dort, wo der Blick ein Gedanke wird und sich im Vagen frei ins Ferne bewegt, erscheinen ihre Bilder als Fata Morgana und wirken wie Wiedergänger romantischer Tradition: Echos der realen Welt, die ebenso trennscharf wie malerisch aus dem Licht ins Dunkel fliehen und andere Zeit- und Raummaße offenbaren. Das Ferne rückt heran, das Nahe entfernt sicht. Der Blick in diese Gegenwelt wird durch den Innenraum einer Kamera bestimmt, kehrt sich gegen sich selbst und schafft einen merkwürdigen Bummerang-Effekt: Inversion durch maximale Außenorientierung.

Vera Lutter mietete sich seit 1995 immer wieder in Hochhäusern von Manhattan oder anderen erhöhten Orten Zimmer, verdunkelte die Fenster mit schwarzen Folien, bohrte ein Loch so groß wie ein Stecknadelkopf in die Folie und ließ durch das einströmende Licht große Bahnen Fotopapier auf der gegenüberliegenden Wand manchmal stunden-, manchmal tagelang belichten. Während der Belichtungszeiten blieb sie im Raum der Camera Obscura, die nur erfasst, was immobil blieb oder sich unendlich langsam veränderte. Schnelle Bewegungen hinterließen keine Spuren.

Durch diese Technik entstand eine neue Art von Veduten im Licht der Nacht. Sie tragen den Stempel des Authentischen. Denn bei allen Abbildern Lutters kann man sagen: Dies war sichtbar, solange das Licht die Architektur der Stadt, die Geräte der Werften, die Flugzeuge, den Flusslauf der Landschaft modellierte und als Abdruck auf dem präparierten Papier brachte. Tricks und Retuschen gibt es nicht. Lutters Bilder registrieren das Dauerhafte und präsentieren es als Nachtseite der Stadt und der verlassenen Fabriken als einmalige Erscheinung. Sie macht keine Abzüge. Kein Moment ist wiederholbar. Darin manifestiert sich eine grundlegend konservative Einstellung und entfernt sie weit von den Fotografen, die seit den dreißiger Jahren dem Augenblicksbild nachjagten und den entscheidenden Momenten einer Szene festhalten wollen. Lutter ist den Fotografen langer Dauer wie Candida Höfer oder Axel Hütte nahe, bei denen die Präsenz von Menschen nur als Spur oder Zeichen zählt, nicht ihr Abbild. Sie sucht die Orte, wo sie die Zeit ausdehnen und im Bild isolieren kann.

Da Schwarz die Arbeiten Vera Lutters dominiert, lassen sich ihre Unikate mit den Malern der Farbe Schwarz in Verbindung bringen - freilich weniger mit den Schwarzmalern von Kasimir Malewitsch über Ad Reinhardt bis zu Günther Umberg, vielmehr mit Velázques, Goya und überhaupt den figurativen Spaniern. Ebenso verwandt sind ihre Bilder mit den Arbeiten der Künstler des Clair / Obscure wie den "Schattenbildern" von Christian Boltanski oder mit Olafur Eliassons im Stroboskop erstarrten Wassertropfen, die wie ein Schauer von Diamanten leuchten. Auch Lutter arbeitet an einer bildnerischen Kolonisierung der Nacht, suchen mit Hilfe des Lichts das Dunkle zur Erscheinung zu bringen und als Gegenwelt zu bewahren. Es sind keine Fiktionen, sondern Darstellungen faktischer Gegebenheiten zwischen Licht und Dunkel. Darin liegt der hohe Reiz dieser Art einer Ästhetik des Faktischen. Obschon die Nacht nicht aufhört, suggestiv zu wirken, registrieren Lutters Bilder lediglich, was der Camera Obscura möglich war, ans Licht zu bringen. Das Herausragende an dieser Ausstellung liegt wohl darin, dass Lutter sich damit in eine Konstellation von Referenzen manövriert hat, die es wahrscheinlich macht, dass ihre bedeutendsten Bilder noch kommen werden.

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