Kultur : Die nackte Melone

Wettbewerb (1): Tsai Ming-Liangs Sex-Tragikomödie „The Wayward Cloud“

Jan Schulz-Ojala

Wolken ziehen nicht vorüber. Der Himmel ist hell und leer über Taipeh in „The Wayward Cloud“ (Die launische Wolke). Dafür sind weiße Schäfchenwölkchen auf eine blaue Zimmerdecke gemalt. Manchmal legen sich zwei auf das Bett darunter und fragen sich: „Wenn eine Wolke die andere berührt, was entsteht dann für eine Form?“

Nein, das fragt nur Tsai Ming-liang im Presseheft – er nimmt die Wolke als Bild für Einsamkeit und Liebe. Hsiao-kang dagegen, der als Zauberfigur von einem Film des taiwanesischen Regisseurs in den nächsten schlüpft, und die schöne Shiang-Chyi ziehen es vor zu schweigen. Nur einmal fragt sie ihn: „Verkaufst du noch immer Uhren?“ und erinnert ihn damit an seinen Job in „What Time is it There“ (2001). Es gibt keine Grenzen zwischen Tsai Ming-liangs Filmen. Alle sind sie ein Film – über Wasser und Stille und Gift und Not und Sex und Einsamkeit. Und über eine Heiterkeit, die mitten hineinbrechen kann, weil die Leute ja leben.

Shiang-Chyi lebt in einem verrotteten Hochhaus in Taipeh, gerade so, als sei sie nur aus Tsai Ming-liangs „The Hole“ (1998) ins nächste Loch gezogen. Doch nicht eine Epidemie bedroht diesmal die Bewohner dieser futuristisch deregulierten Metropole, sondern Wassermangel. Shiang-Chyi zapft die Reservoirs öffentlicher Klos an, füllt Plastikflaschen, lebt von Melonen und macht den Kühlschrank zum Überlebensdepot. Ein Stockwerk höher arbeitet Hsiao-kang als Porno-Darsteller: Das Wasser, das seiner Partnerin über den Rücken läuft, kommt aus der perforierten Plastikflasche, die der Beleuchter über die kopulierenden Körper hält.

Das ist lustig. Und traurig, trauriger geht’s nicht. Aber offenbar die einzige Arbeit, die es noch gibt: Pornos drehen, Pornos verkaufen. Hatte nicht die Mutter in Tsai Ming-liangs „Der Fluss“ (für den es 1997 einen Silbernen Berlinale-Bären gab) ein todtrauriges Verhältnis zu einem Pornovideohändler? In „The Wayward Cloud“ wächst abseits vom strammen Dienstgerammel eine wunderbare Liebe, die lange keinen Sex zu brauchen scheint. Erst ist da ein Schauen, während er schläft. Dann eine Hilfsbereitschaft: Er fräst ihren Kofferschlüssel aus dem Asphalt, nur lässt sich der Koffer nicht öffnen. Dann ein lustiges Kochen, immer vorbei an den Krebsen, die über den Fußboden schlingern.

Lange statische Einstellungen, wie immer bei Tsai Ming-liang. Nur mit der Musiklosigkeit ist es vorbei: Ein Halbdutzendmal unterbricht sich – sofern Fasthandlungslosigkeit unterbrochen werden kann – der Film für witzigbunt choreografierte China-Musicalszenen, um wieder zurückzugleiten in die langsame Annäherung eines Paars mitten in einer wegverkauften Welt aus Sex. Der erste Kuss: in der „Nur-für-Erwachsene“-Kammer des Videoladens. Ein Aussaugen ist die Liebe, damit fängt es an. Und nur darauf kommt es an, bis zur letzten, überwältigenden Szene.

Es wird viel gelacht bei der ersten Pressevorführung – erst über die oralfixierte Grenzüberschreitung, dann über die irrwitzigen Tanzszenen und überhaupt über die eigene Scham, um die sich der Film nicht schert. Dabei zeigt er keine primären Geschlechtsmerkmale, nicht einmal beim Porno-Dreh, sondern nur Körper und ihren Durst. Und entfesselt dabei eine Fantasie jenseits von Regeln und Zeit. Noch einmal Gelächter im Saal – in jenem Moment, in dem äußerste Empfindungslosigkeit und äußerste Empfindung einander so begegnen, wie man es im Kino nie gesehen hat: ein Männerlachen, das von fernher kommt.

Heute, 15 Uhr (Urania), 20 Uhr (International), 23.30 Uhr (Urania)

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