Kultur : Die nackte Wahrheit

Skandal vor der Premiere? Mit Mozarts „Entführung“ an der Komischen Oper sorgt der Spanier Calixto Bieito für Aufregung

Jörg Königsdorf

Vor einer Woche erst waren es fünf nackte Statisten, die an der Berliner Staatsoper für Empörung beim Premierenpublikum sorgten: In seiner Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ führte Regisseur Philipp Himmelmann ohne Beschönigung vor, was eine Ketzerverbrennung ist und ließ die Opfer der Inquisition gefesselt in Richtung Schnürboden ziehen.

Kaum hat sich die Erregung über dieses Autodafé gelegt, hat die Berliner Opernszene jetzt ihren nächsten Skandal – und diesmal bereits vor der Premiere. Schon die Bilder von der Fotoprobe zur neuen Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper haben eine Kampagne in den Boulevardzeitungen entfacht: Von „Ekel- Kunst mit Steuer-Geld“ spricht die „Bild“, die ansonsten der Vorab-Berichterstattung über Berliner Opernpremieren eher wenig Platz einräumt, und veröffentlicht gleich eine Fotoserie mit überwiegend nackten Darstellern, die in Mozarts Serail das treiben, was dort, wo Sex käuflich und erzwungen ist, eben so stattfindet.

Die Aufregung war allerdings abzusehen: Denn mit dem 40-jährigen Spanier Calixto Bieito hat die Komische Oper einen Regisseur verpflichtet, der bei seinen Auseinandersetzungen mit den Stoffen der klassischen Opernliteratur keine Kompromisse eingeht: Im letzten Jahr sorgte er mit Verdis „Trovatore“ am Opernhaus Hannover für eine bis dahin beispiellose Welle von Abonnementskündigungen, weil er Verdis blutrünstige Geschichte aus dem spanischen Mittelalter in der Atmosphäre von Goyas grausamen „Desastres de la guerra“ angesiedelt und deren Schilderungen nackter Gewalt auf die Bühne übertragen hatte.

Theatergänger können über die leichte Erregbarkeit des Opernpublikum freilich nur staunen: Was auf den Sprechbühnen längst gang und gäbe ist, provoziert im Musiktheater immer noch Skandale: Egal, ob es sich um Orgien handelt oder um künstlerische Eingriffe der Regisseure in die Stücke wie zuletzt bei Peter Konwitschnys „Don Giovanni“-Version an der Komischen Oper. Dass ausgerechnet Bieito den Zorn des Publikums auf sich zieht, liegt paradoxerweise auch daran, dass seine Hausgötter die gleichen sind wie die des Publikums: Das Publikum reagiert empört, gerade weil es durch die emotionale Kraft dieser Musik besonders involviert, ja verwundbar ist – und weil Regisseure wie Bieito in eben diese Wunden stoßen, um durch den Schmerz die Wahrheiten der Stücke umso fühlbarer zu machen. Bei unbekannteren Opern nimmt kaum jemand Anstoß an der Schilderung von Gewalt und nackten Tatsachen: In Peter Greenaways Version von Milhauds „Christophe Colomb“ etwa marschierte vor ein paar Jahren ein ganzes Dutzend Nackte über die Bühne der Staatsoper, bei Bieitos Inszenierung von Massenets „Manon“ in Frankfurt zeigte ein schmucker Stripper seine Kunst – in beiden Fällen regte sich kein Widerstand beim Publikum.

Und die Komische Oper kann sogar hoffen, dass die „Entführung“ ihre bislang eher magere Saisonbilanz aufbessert: Die Kartennachfrage ist nach Veröffentlichung der Probenfotos deutlich gestiegen. „Bild“ sei Dank.

Die Premiere am Sonntag ist ausverkauft. Nächste Vorstellung am 23.6.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben