Kultur : Die Nackten und die Guten

MICHAEL BURUCKER

Perfide Politiker, mafiose Spekulanten und herzige Huren - was macht den Erfolg eines millionenschweren TV-Spektakels? Heute startet Quotenkönig Dieter Wedel seinen "König von St.Pauli"VON MICHAEL BURUCKEREin Mann kehrt zurück an den Ort seiner Kindheit, den er nicht gerade geliebt hat."Leben" sagt eine Stimme aus dem Off, "ist das, was einem zustößt, während man auf die Erfüllung seiner Träume wartet".Die innere Stimme kündigt so auch ein Fernsehereignis an, das mit über 25 Millionen Mark Produktionskosten für den Privatsender SAT 1 das bisher teuerste Projekt seiner Geschichte ist.Als Kulisse wurde dabei ein ganzer Stadtteil nachgebaut, der dem legendären Sankt Pauli entsprechen soll.Wo dem "Hermännchen" von Edgar Reitz, der die Fesseln seiner Hunsrücker "Heimat" erst einmal loswerden mußte, das Leben während seiner Studentenjahre im fernen München zustieß, tauscht hier der junge Münchner Jurastudent Robert, dem noch nicht allzuviel zugestoßen sein kann, die Welt des Geistes unvermittelt gegen die Welt des Kiezes, den Hörsaal gegen die Spelunke. Es ist die Welt noch des Vaters, des Kiezkönigs "Würfel-Rudi" (Hilmar Thate), aber daß Robert, sein schüchterner Sohn (Oliver Hasenfratz), dieser Welt erliegen, sich dort gar behaupten wird, läßt sich heute Abend nach der ersten Folge von Dieter Wedels sechsteiligem Kiez-Epos "Der König von St.Pauli" durchaus vermuten.Der scheue Werther der Bordellromantik auf St.Pauli jedenfalls ist ein Kunstgriff des dramaturgischen Routiniers Wedel.Die jugendlich-unschuldige Sicht, die anfängliche Skepsis ebenso wie die sie besiegenden Gefühle für die flotte Nacktänzerin Lajana (Sonja Kirchberger) sollen selbst die letzten Moralisten unter Deutschlands Fernsehzuschauern in den Bann einer Liebeserklärung an das zwielichtige Milieu ziehen. Wedel, als Geschichtenerzähler selbst in gefährlicher Nähe zum TV-Mythos, will diesmal dem "Mythos St.Pauli ein Denkmal" setzen.Eine überflüssige Sache im Grunde, ist der Mythos sich doch Denkmal genug.Wäre von einem, der so erfolgreich hinter Trivialem und Wohlbekannten - etwa dem Häuslebauer des Wirtschaftswunders ("Einmal im Leben"), dem Pauschaltourismus ("Einmal Wilder Westen und zurück") oder der Warenhaushierarchie ("Der große Bellheim") - mit viel versöhnlichem Humor die weniger bekannten Abgründe offenlegte, nicht eher die Enthüllung des scheinheiligen Mythos von der rührend naiven Ludenwelt zu erwarten gewesen? Die ironische Distanz, der Held der trotz unverkennbar unsympathischer Züge nicht denunziert wird und eine Identifikationsfigur bleibt, ist in der TV-Serienwelt, die auf Bestätigung des Vorhandenen setzt und Veränderungen stets hinterherläuft, nur selten zu finden. Helmut Dietl hatte einst einen Paparazzi - ein Beruf, der bereits vor dem Tode Lady Dianas ganz unten auf der Beliebtheitsskala stand - trotz allem Zynismus bei "Kir Royal" zu Franz Xaver Kroetzens spielerischem Charme verholfenen.Solch funkelnder Ironie und Schärfe in der Auseinadersetzung folgt Wedel zwar nicht, wohl auch deshalb, weil er um die Fragilität der Zuschauergunst weiß.Dennoch sind gerade Charaktere seine Stärke, die sich der schnellen, gewohnten Deutung widersetzten.Ob es Heinz Hönig als neureicher Börsenspekulant im "Bellheim" war, der gegen eine listige, sturmerprobte Riege von Pensionären antrat und seinen Feldzug wie ein Hochleistungssportler bis ins kleinste Detail plante,ob die gebrochenen, traurigen Singles auf der Amerikareise oder das Verhältnis "Schattenmann" und Pate - Wedel ließ immer offen, auf welche Seite sich der Zuschauer zu schlagen hatte.Gegen das Gebot der Serie, das warnt, vom Pfad des Vorhersehbaren abzuweichen, gewann er die Gunst des Publikums.Wedel wurde zum Garanten für Qualität und Quoten, und so wirken seine Projejkte noch wie letzte Nachbeben jener Fernsehzeiten, in denen ein Durbridge-Krimi die Straßen leerzufegen vermochte und der vorzeitge Verrat des Täters Stürme der Entrüstung auslöste. Die fast blinde Hörigkeit, die Wedel zuletzt im ZDF und nunmehr in SAT 1 entgegenschlägt, täuscht jedoch über Sehgewohnheiten und Realitäten des Fernsehalltagshinweg.Manche Folge des "Schattenmanns" erreichten mit über sechs Millionen Zuschauern die gleichen Quoten, die bis heute auch der beliebte ZDF-Affe "Unser Charly" locker am Vorabend verbuchen kann.Und der Bekanntheitsgrad von Schattenmännern und Bellheims verblaßt vor der Popularität täglicher Serien und ihrer Mitwirkenden, die man Schauspieler zu nennen sich oftmals scheut. Auch "Der König von St.Pauli" schreibt den halb eingeschüchterten, halb bewundernd-amüsierten Blick des Bürgers auf die Paradiesvögel der Halbwelt fort.Exotisch zwar und zweifelhaft, scheinen sich dort genügend Existenzen zu tummeln, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen.Ein Bild, das das Milieu auch selbst gerne kolportiert: wie kürzlich ein Berliner Bordellkönig in einem ARD-Porträt, der mit sentimentalem Pathos die gute alte Zeit der "ordentlichen" Zuhälterkriege beschwor - als noch keine Russenmafia oder Rumänenbanden den deutschen Kiezhelden von der Potse, der Reeperbahn oder der Frankfurter Kaiserstraße das Leben schwermachten. In der Serienlandschaft hat der Strich ohnehin längst seinen Platz.Von einem anderen St.Pauli-Mythos, Jürgen Roland, der für seinen Film "Polizeirevier Davidswache" schon 1964 den Bundesfilmpreis erhielt, stammt die ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier", die seit zehn Jahren mit gleichbleibendem Erfolg läuft und Einschaltquoten bis zu 5 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von fast 20 Prozent erzielt.Die Kiezkönige sind hier freilich Revierpolizisten, die ihre Pappenheimer kennen und lieben und mehr noch als Gesetzeshüter, Sozialarbeiter, Krankenpfleger, Psychotherapeuten und Drogenberater sind.Skurrile Typen und auf Dauer etwas stereotype Geschichten, nicht frei von Sentimentalität, singen das Hohelied des kleinen Mannes, der es nicht leicht hat in rauher Umgebung, und die, anders als jene aseptisch unanfechtbaren TV-Ordnungshüter vom Schlage Derricks, die das TV-Genre lange dominierten, ein weites Herz für die Gaunereien ihrer Delinquenten besitzen.Spiegel zugleich eines liberalisierten Rechtsempfindens, das den Täter als Opfer der Verhältnisse sieht. Auch Wedels millionenschwerer Sex-Teiler bemüht sich um das Bild des liebenswerten Gauners.Die wahren Bösen, dies zu predigen wird Wedel in seinen Filmen nicht müde, sind die Bosse im Nadelstreif: der Immobilienspekulant, der korrupte Politiker, der gefährliche Mafioso, der windige Anwalt - ein pflichtgemäßes Personal, das ambitioniertere TV-Krimis (bis hin zu Schimanskis "Tatort") bevölkert, seit man den Autoren vorgeworfen hatte, an lebensnahen Stoffen und den Zeichen der Zeit vorbeizuschreiben.Mittlerweile gehört es zum täglichen Geschäft des Fernsehkrimis, sich an der Politikverdrossenheit und dem Mißtrauen gegenüber Institution und Parteien zu bedienen.Der Politiker, meist verstrickt in Spekulationsgeschäfte und immer häufiger auch am langen Arm des organisierten Verbrechens, dürfte da am weitaus schlechtesten abschneiden.Eine Krimiserie mit einer sympathisch gezeichneten Politikerfigur gilt heute als Quotenkiller. Gegen das Kartell der Mächtigen und Gefährlichen aber setzt die political correctness desneudeutschen TV-Krimis (von Schimanski bis Rosa Roth) die idyllische Wohngemeinschaft der Paradiesvögel.Der Kiez-Bodyguard, der Transexuelle, die Prostituierte sowie die gute Seele Charlotte, im neuen Wedel so proper gespielt von Eva Maria Bauer, als sei sie noch die Oberschwester in der Schwarzwaldklinik, proben das kleine Glück der Familienserie.Dem erfolgreichen Geschichtenerzähler muß solcher Realitätsverlust allerdings nicht zur Unehre gereichen.Dieter Wedel hatte stets den Unterhaltungswert der Authentizität eines Heinrich Breloer ("Todesspiel") oder der intellektuellen Introvertiertheit eines Edgar Reitz vorgezogen.Daß er in Wahrheit gar nicht "authentisch" bleiben wollte, verrät, daß er gegen die eigene Erfahrung, die ihn die "Trostlosigkeit" der Stripshows auf St.Pauli lehrte, mittels branchenweit anerkannter Lehrerinnen des Gewerbes Glamour vorzutäuschen suchte, der in der Wirklichkeit kaum vorhanden ist.Wedel ist Fersehmann genug, der - wenn schon Mythos - den alten Westernmytos zitiert.Es ist die hermetische Welt, in der das Gute gegen das Böse kämpft und das eine ohne das andere nicht auskommt. Die Bösen sind hier Politiker oder deren Zuhälter und heißen "Flüsterer", die Guten sind Würfel-Rudi, Stullen-Paul oder Sugar, der seine Fäuste im Kampf um die Einhaltung der Kiezmoral benutzt.Echten Edelmut jedoch, dies zu zeigen, war wohl Wedels Anreiz, kann sich in jener Welt der Prostitution, des weißen Goldes und der schwarzen Gelder niemand leisten.Um solche Facetten auszuloten, aber bedürfte es der Auflösung des Mythos.Das aber sage mal einer einem erfolgreichen Fernsehunterhalter.

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