Kultur : Die Nackten und die Quoten

Sexskandale? Gibt es nicht mehr. Alles ist erlaubt. Wieso regen wir uns trotzdem dauernd auf?

Harald Martenstein

Als tagelang das Sibel-Kekilli-Skandalgewitter auf der Titelseite von „Bild“ tobte, weil sie in neun Pornos mitgespielt hat – die Zahl merkt man sich irgendwie –, und weil sie mit ihrem zehnten, nichtpornografischen Film den Goldenen Bären gekriegt hat, konnte man folgendes tun: Man konnte die Gemeinheit von „Bild“ anprangern.

Man könnte auch sagen: Nach dem Kleingewerbe, der Gastronomie und dem Showbusiness übernehmen in Deutschland die Migranten nunmehr auch die Skandalproduktion. In der türkischen Welt gibt es noch harte moralische Gesetze, das lässt die Fantasieaktien steigen. Gefallene Priester, nackte Ethik-Professorinnen im „Playboy“ und sündige Türkinnen, das alles sind als Stories zeitgemäße Fortsetzungen der Saga „Schulmädchen-Report“, wo es auch schon um die Distanz zwischen scheinbarer Keuschheit und tatsächlichem Schwerstverruchtsein ging. Das Thema „unschuldiges Mädchen aus extrem keuscher Familie verwandelt sich qua Verführung in ein Sexmonster“ beherrscht die erotische Skandalproduktion seit den Tagen des Marquis de Sade.

Die schon vor etwas längerer Zeit eingewanderten Deutschen sind inzwischen vermutlich zu verdorben für solche Geschichten. Wenn man hören würde, dass, sagen wir, Franka Potente während ihrer Jugend in Dülmen Pornos gedreht hat, würde unsereins doch höchstens denken: na ja, in Dülmen gibt es am Gymnasium bestimmt eine Porno-AG. Seit eine ehemalige Erotikdarstellerin, Dagmar Wöhrl, ausgerechnet für die CSU im Bundestag sitzt, könnte man sich zurücklehnen, das Thema ist durch, alles ist erlaubt, ist ja auch okay, so what.

Es gibt keine Sittenskandale mehr, statt dessen Skandalsimulationen, in denen man sich unter beachtlicher darstellerischer Kraftanstrengung und kollektiver Faktenverleugnung gemeinsam daran erinnert, wie es früher gewesen ist, damals, als es Spießer, Verbote und all das gab. „Bild“ übernimmt zum Beispiel in der Angelegenheit Kekilli die Rolle des Sittenwächters, der Talkmaster Beckmann oder sonst wer übernimmt die Rolle des Gefallenes-Mädchen-Verteidigers, aber im Grunde wissen alle, dass es nur noch ein Spiel ist.

Vor ein paar Tagen saß Sibel Kekilli bei Beckmann. Sie sagte wieder den Satz: „Es ist mein Leben.“ Das mit den Pornos habe sie wegen des Geldes sowie aus Rebellion getan. Dann zeigten sie einen Filmausschnitt aus „Gegen die Wand“, dem Bärengewinner. Sibel Kekilli fasste sich in der Filmszene an ihre Brüste und sagte: „Hast du schon mal so geile Titten gesehen?“ Und: „Ich will ficken!“ Man hätte auch andere Ausschnitte aus dem an sich recht guten Film zeigen können, aber das war nach Ansicht der Redaktion halt eine besonders geile Szene. Danach setzte Beckmann wieder sein Landpfarrergesicht auf.

In Wirklichkeit ist, wie der Sexualforscher Günter Amendt geschrieben hat, „im moralischen System des modernen, flexiblen, mobilen und globalen Menschen kein Platz mehr für Moralismus“. Es gibt keine Empörung mehr, nur eine Empörungsmaschine, die laut rattert und quietscht. In Wirklichkeit wird auf jeder Provinzbühne gerammelt, bis der Pausensekt kommt, gehört eine deutliche Sexszene zum Entrée jedes Fernsehfilmchens, hocken sich in den Talkshows die Pornoqueens neben den Präsidentengattinnen den gelifteten Hintern breit und reden vom Wechsel ins seriöse Fach, der aber bestimmt nicht am gesellschaftlichen Widerstand scheitert, höchstens an den Grenzen ihres Talents. In Wirklichkeit übertragen sie in „Big Brother“ Sex live, ist im Film die formale Grenze zwischen Kunst und Pornographie längst nicht mehr existent, man möge sich nur Virginie Despentes’ „Baise-moi“ ansehen oder Patrice Chéreaus „Intimacy“, gute Filme, nebenbei gesagt. Jeder, wirklich jeder weiß von der Sexualisierung unseres Alltags und davon, dass eine Pornovergangenheit, wie sie zahlreiche Schauspieler besitzen, mit Ausnahme von Franka Potente vielleicht, kein Karrierehinderungsgrund mehr ist, sondern eher das Gegenteil. Wer weiß, was dieser Horst Köhler früher alles gemacht hat!

Ohne verbindliche Normen kann es keine Skandale geben, höchstens Geschmacksfragen. Sittenskandale sind deshalb eine Simulation, wie die Welt in dem Film „Truman Show“ oder wie die RTL-Dschungelshow. Jeder Journalist oder Talkmaster, der über einen so genannten Skandal zu berichten hat und sein Publikum auf diese Tatsache nicht hinweist, würde sich schuldig machen, falls es so etwas wie Schuld noch gäbe, was bekanntlich nicht der Fall ist.

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hat einen Reporter zur Firma „Magma“ geschickt, dem Produzenten einiger Kekillipornos. Man erfuhr, dass die Branche auf dem Zahnfleisch geht, weil die Leute sich ihre Filme inzwischen selber drehen oder aus dem Internet holen. Sogar die Sexfilmbranche geht daran kaputt, dass es überall zu viel Sex gibt. Die Gage beträgt für eine Darstellerin 200 Euro am Tag, maximal 400. Dafür, dass man es nur wegen des Geldes macht, ist es eigentlich nicht gut genug bezahlt. Es muss schon auch ein bisschen Spaß dabei sein. Wer in der Pornobranche arbeitet, muss eine exhibitionistische Ader haben, was ja in einem freien Land keine Schande ist, aber hinterher sagen sie nicht etwa: „Hat Spaß gemacht, ist aber kein Job fürs Leben“, nein, sie seufzen fast alle: „Ich brauchte das Geld“, und die Johannes B. Kerners dieser Welt machen dazu Kulleraugen.

Sex ist super, man kann ihn trotzdem nicht pausenlos ertragen, man will man auch mal was anderes sehen. Aber wer wünscht sich schon ernsthaft die Vergangenheit zurück, schwarze Balken über der Kinoreklame, die Verklemmungen und Verbote, all dieses finstere Zeug. In einem Land, in dem alle liberal sind und in dem die Wähler zwischen vier auf unterschiedliche Weise neoliberalen Parteien die Wahl haben, ist die Gefahr einer Wiederkehr der sexuellen Unterdrückung allerdings zehn Mal geringer als die Wahlchancen von Gesine Schwan. Heute ist es besser als früher, aber für alles muss man einen Preis zahlen, mag man ihn nun Verlust des Geheimnisses nennen, Banalisierung oder einfach Verblödung.

Fast jeder weiß die Freiheit zu schätzen, die man heute hat, trotzdem beschleicht ziemlich viele Leute hin und wieder ein Gefühl des Unbehagens. Weil es weder Normen noch verbindliche Instanzen gibt, nur noch verschiedene Geschmäcker, wird die Frage, was einer darf und was nicht, in „Bild“ und in den Talkshows verhandelt. Die Sittenwächter standen schon immer, seit Jahrhunderten, in dem Verdacht, bigott zu sein. Jetzt weiß man es immerhin genau.

Die Sehnsucht nach dem Skandal ist eine Art Phantomschmerz. Die Autorin Juli Zeh hat vor ein paar Tagen einen Essay über die Pornografisierung der Kunst veröffentlicht, und über das kapitalistische Phänomen der Überproduktionskrise. Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“ wird von den Zuschauern, auch von Juli Zeh, unter anderem deswegen so gepriesen, weil es darin trotz einer Liebesgeschichte keine einzige Sexszene gibt, nicht einmal eine Traumsequenz oder wenigstens den üblichen kleinen Blow Job. Ohne Sex, das sei doch auch mal was Schönes gewesen.

Der Essay über die Unlust an der sexuellen Überflutung stand im „Kultur Spiegel“. Illustriert hatten sie ihn mit sieben Bildern von sich gerade lasziv entkleidenden Mädchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben