Kultur : Die Nackten und die Zoten

Robert Altmans Abgesang auf eine Radioshow: „A Prairie Home Companion“ im WETTBEWERB

Harald Martenstein

Helmut Dietl dreht einen Spielfilm über die „Harald Schmidt Show“, Harald Schmidt spielt darin sich selber: So könnte eine Übersetzung des Prinzips von „A Prairie Home Companion“ ins Deutsche aussehen. Garrison Keillors gleichnamige Radioshow läuft seit den Siebzigern jede Woche und wird von Millionen gehört, ein amerikanisches Denkmal. Keillor sieht aus wie ein älterer, etwas verlotterter, zwei Meter hoher Bill Gates, nebenbei schreibt er Essays, Romane und solches Zeug, zum Beispiel für die „New York Times“. Er nennt sich: Die schnellste Feder des Mittleren Westens. Das protestantische Gegenstück zum jüdischen Witz. Keillor ist ein, so seltsam es klingt, volkstümlicher liberaler Intellektueller aus dem Herzland, dem Mittleren Westen, es liegt nahe, dass sein Humor ins Absurde tendiert. Betet für Regen, sagt Keillor, aber haltet die Scherze trocken. Robert Altman. 80 Jahre alt, der Regisseur von „Nashville“ und „Short Cuts“, bearbeitet gerne amerikanische Mythen, besonders gerne tut er dies, wenn in den Mythen Musik vorkommt. Keillor und Altman sind also wie für einander gemacht. Es ist ein schöner, warmer, witziger Film geworden.

Radioshows dieser Art gibt es bei uns nicht. Keillors Show besteht aus dem Moderator, der zwischen den Nummern selbst erfundene, gereimte und gesungene Werbespots von sich gibt, aus Lifemusik, einem Geräuschemacher und einem festen Typenrepertoire, zum Beispiel zwei Cowboys und einem älteren Damenduett. Das Ganze findet live im Fitzgerald Theatre statt, in St. Paul, Minnesota, vor einem fast ausschließlich weißen Publikum. Dort spielt auch der Film. Altman lässt einige Typen aus der Show sich selber darstellen, vor allem natürlich Keillor, andere Rollen sind mit Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Kevin Kline oder Tommy Lee Jones besetzt.

Keillor selbst hat ein lockeres Drehbuch gestrickt – ein Investor hat das Theater gekauft, will an dessen Stelle ein Parkhaus errichten, letzte Vorstellung. Ein blonder Todesengel geht um, denn einer der Showveteranen wird heute sterben, während er, zwischen zwei Auftritten, entblößt in seiner Garderobe auf die Liebesdienste der alterskrummen Sandwichverkäuferin wartet, so, wie beide es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Wirklich dazu erfunden aber hat Keillor angeblich nur den Charakter des Teenie-Stars Lindsay Lohan, die im Film die Tochter von Meryl Streep darstellt, ein – vermutlich scheiternder – Versuch, die Geschichte für jüngeres Publikum attraktiv zu machen.

Der Film lebt, auch dies klingt sonderbar, hauptsächlich von seinen Texten. Einmal muss Keillor minutenlang Jazz reden, die Assistentin hat sein Manuskript verbaselt, er improvisiert also, zum Teil singend, über das Wort „Isolierband“, in diesem Moment begreift jeder den versunkenen Zauber des Radios. „A Prairie Home Companion“ ist so liebenswert, so widerstandslos dahingleitend, dass ich mich hin und wieder nach Unnostalgischem gesehnt habe, nach einem anderen Ziel als dem, noch ein paar Jahre weitermachen zu dürfen mit dem, was man gut kann und immer getan hat. Robert Altmans 37. Werk hat etwas von der heiteren Resignation alter Männer, die auf Parkbänken sitzen und Butterbrot essen.

Das Derbe und die Zote sind Keillor, wie älteren Herren im Allgemeinen, natürlich nicht fremd. Trifft ein Elefant einen nackten Mann. Der Elefant schaut sich den Mann genau an, dann sagt er: „Sehr hübsch. Aber kannst du mit dem Ding da auch atmen?“ Man muss es sich natürlich von zwei Cowboys gesungen vorstellen, zu einer Countrymelodie.

Heute 12 und 18.30 Uhr (Urania) sowie 22.30 Uhr (International), 19.2. 10 Uhr (Berlinale Palast)

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