Kultur : Die Nacktheit der Welt

Das Lager als Naturzustand: Rudolf Vrbas sarkastischer Bericht über Auschwitz

Nicole Henneberg

Als der 17-jährige Slowake Rudolf Vrba am 30. Juni 1942 im Lager Auschwitz ankam, hatte er eine abenteuerliche Fluchtgeschichte hinter sich, in der schon der ganze Widerspruchsgeist steckt, der ihm später das Leben rettete. Bevor er sich auf den Weg nach Budapest machte, erklärte er seiner Mutter, dass er sich „nicht lammfromm wie ein Schaf abtransportieren“ lasse. Von den ungarischen Verwandten wurde er jedoch zurückgeschickt, an der Grenze verhaftet und in ein slowakisches Durchgangslager gesperrt. Von dort entkam er erneut. Er wurde wieder eingefangen, zuerst nach Majdanek und schließlich eben nach Auschwitz gebracht.

Das Einzigartige an Rudolf Vrbas Erlebnisbericht „Ich kann nicht vergeben“ ist der radikale Blick, der unvoreingenommen jedes Detail registriert und den eigenen Empfindungen vertraut. Vrba, der damals noch Walter Rosenfeld heißt, ist entschlossen zu überleben – deshalb will er so schnell wie möglich dieses sonderbare Lager verstehen. Mit Neugier betrachtet er die grausame, wie ein Uhrwerk funktionierende, streng hierarchische Welt, in der sich allein aus den Geräuschen die genaue Tageszeit bestimmen lässt. Andererseits ist er unbekümmert genug, um den Lageralltag nicht nur zu durchleiden, sondern dessen bizarre Glücksmomente auch auszukosten, bis hin zu einer ersten Liebe. Darin ist sein kindlicher Blick dem des Jungen in Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“ verwandt.

Am ersten, noch arbeitsfreien Tag streift er durchs Lager und sieht plötzlich aus einem Gebäude Tote herausfliegen, „elende, gräulich-gelbe, haarlose Lumpenpuppen“, die von geschickten Händen, wie er bewundernd feststellt, blitzschnell auf einem Karren gestapelt werden. Ein Jahr später, inzwischen in Auschwitz-Birkenau, weiß er genau, wie eine Leichenkammer funktioniert, hat sich mit dem dortigen Kapo angefreundet und empfindet den kleinen, mit toten Körpern vollgestopften Raum sogar als friedlichen Rückzugsort. Durch seine Arbeit als „Blockschreiber“ – dieses Privileg hat er sich mit kluger Hartnäckigkeit erkämpft – kann er sich relativ frei bewegen. Die Intellektuellen und die Vertreter des politischen Untergrunds schätzen ihn wegen seiner Zähigkeit und seiner Sprachkenntnisse, vertrauen ihm als Boten und liefern für seine geheimen Statistiken Informationen. Einer seiner wichtigsten Helfer ist Filip Müller (der ebenfalls überlebt hat), Heizer der Öfen des Krematoriums, der aus der Menge des angeforderten Brennmaterials die Zahl der Ermordeten bestimmen kann.

Als „Herz von Auschwitz“ empfindet er die Rampe, über die unaufhörlich Menschen, Lebensmittel, Kleidung, Geld und Schmuck ins Lager gepumpt werden. Er arbeitet im Aufräumkommando, und er nutzt diese Machtposition, um sich Freunde unter den Kapos zu schaffen. Auf deren Schultern ruht der Lageralltag, von der Krankenbaracke über die Küche bis zur Arbeitseinteilung. Zugleich versteht er hier, warum „der größte Betrug aller Zeiten“ funktioniert, und seine Wut darüber wächst von Tag zu Tag. Er will der Welt von der Lüge der jüdischen „Umsiedlung“ berichten, denn er ist überzeugt, dass die Menschen nicht mehr friedlich in die Züge steigen, wenn sie wissen, wohin sie wirklich fahren. Während er den Schlägen der SS-Männer ausweicht und gleichzeitig nach Essbarem sucht, studiert er die brutale Choreografie der Selektionen, die, von „erfahrenen Künstlern“ inszeniert, nach einem simplen Muster funktioniert. Wie entscheidend die massenhafte Gefügigkeit der Menschen war, ihre Verwirrung und Apathie nach dem Transport, ihre erzwungene Schweigsamkeit, das zeigen die wenigen Entgleisungen. Eine Gruppe Geisteskranker versetzt mit ihrer Unberechenbarkeit die abgebrühten SS-Männer in Panik, und Chaos bricht aus. Aber meistens läuft alles „tadellos“. Noch 20 Jahre später wundert sich der Erzähler, wie leicht 50 SS-Leute Hunderte von Gefangenen in Schach halten konnten. Als an einem Transport französischer Juden ein Lastwagen voller Leichen vorbeifährt und fast umkippt, erstarren die Menschen kurz. Weil sie nicht glauben können, was sie gesehen haben, marschieren sie weiter in Richtung Krematorium.

Auf der Rampe hatte auch der polnische Schriftsteller Tadeusz Borowski gearbeitet, der sich in seinen Erzählungen dem angeblich Unvorstellbaren mit dem gleichen verzweifelten Sarkasmus nähert wie Rudolf Vrba. Durch die unsentimentale, ganz körperliche Wahrnehmung und den Zwang, die grauenvollen Tatsachen gleichsam als natürlich anzusehen, entsteht jener authentische Ton, den Imre Kertész forderte, um das Lager als Extremfall unserer Welt zu zeigen. Dass er überhaupt möglich war, erfüllte Vrba jeden Tag mit neuer Empörung: „Wir fanden es nicht richtig, dass die Welt sich weitergedreht hat, während es Auschwitz gab, dass die Leute gelacht und gescherzt, getrunken und sich geliebt haben, während Millionen starben und wir um unser Leben kämpften.“ Als er im März 1944 von der geplanten Vernichtung der ungarischen Juden hört, entschließt er sich zur Flucht, um wenigstens dieses Verbrechen zu verhindern. Am 10. April 1944 gelingt es ihm und Alfred Wetzler zu entkommen.

Der 2006 in Vancouver gestorbene Rudolf Vrba hat seine Lebensgeschichte, 1963 zusammen mit einem befreundeten Journalisten geschrieben. Den Anstoß dazu gab der Frankfurter Auschwitz-Prozess, an dem Vrba als entscheidender Zeuge teilnahm. Auch Claude Lanzmann hat ihn für seinen Film „Shoah“ befragt. Ein einziges Mal wird der Erzähler pathetisch: Als er von seiner ersten Kampfaktion mit den slowakischen Partisanen berichtet, laufen ihm „Tränen des Glücks“ über die Wangen. Vielleicht hat er für Tadeusz Borowski mitgekämpft, der wenige Jahre vor seinem Selbstmord 1951 schrieb, dass er gern ein oder zwei Menschen umgebracht hätte, „nur um die Auswirkungen davon, hilflos mitansehen zu müssen, wie andere geschlagen und ermordet wurden“, loszuwerden.

Rudolf Vrba: Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz.Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier und Brigitte Walitzek. Schöffling, Frankfurt a. M. 2010. 496 S., 24,95 €.

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